01.08.2007

Kambodscha

Bildung und Gesundheit statt Gewalt und Ausbeutung

Kinderrechte? Das ist oft noch ein Fremdwort in Kambodscha. Plan arbeitet daran, dass sich das ändert. Mit Erfolg. Schlechte Bildungschancen und eine mangelhafte medizinische Versorgung werden ebenso thematisiert wie Kinderhandel und sexuelle Ausbeutung. Carola Große-Wilde (dpa) besuchte das Plan-Projektgebiet Siem Reap im Norden des Landes.

In Kambodscha kann man alles kaufen. Richter, Polizei - auch Kinder. 100, 200 vielleicht 500 Dollar, mehr Geld brauchen die Kinderhändler nicht zu bieten, damit bitterarme Familien aus Verzweiflung eines ihrer neun bis zehn Kinder verkaufen. Das ist viel Geld in einem Land, das sich erst langsam von einer der grausamsten Diktaturen unter dem Roten Khmer-Führer Pol Pot erholt und in dem der durchschnittliche Monatslohn bei 40 Dollar (ca. 30 Euro) liegt. Die Kinder landen dann meist in Bordellen und werden dort westlichen Freiern angeboten.

 

Zulauf bekommt die Pädophilen-Szene auch aus dem Nachbarland. Seit die thailändische Regierung die Gesetze für Prostitution verschärft hat, flüchten viele Freier nach Kambodscha. "Diesem Treiben wollten wir nicht tatenlos zusehen", sagt Länderdirektor Sandy Fortuna von Plan Kambodscha. Seit fünf Jahren arbeitet Plan in dem asiatischen Land zwischen Thailand und Vietnam, das früher zur französischen Kolonie Indochina gehörte.

 

Aktionen gegen Kinderhandel
Als erstes startete Plan deshalb zusammen mit UNICEF eine Kampagne zur Geburtenregistrierung. "Damit konnten wir jedem Kind eine Identität geben", erläutert  Fortuna. Ohne Geburtenregistrierung fiel es nämlich auch niemandem auf, wenn ein Kind verschwand. "Jetzt sind die Kinder registriert - und können nicht mehr so einfach verschwinden." Außerdem übt Plan zusammen mit anderen Organisationen Druck auf die Regierung aus, damit die Gesetze gegen Kinderprostitution verschärft werden. Inzwischen hat sich schon einiges zum Guten geändert.

 

Aufgeregt sitzen die Schüler der Angkor Thom Junior High School dicht gedrängt auf Holzbänken unter einem Palmendach. "Sampeah!", sagen sie artig und verbeugen sich mit gefalteten Händen vor der Brust. Um die Situation der Kinder nicht nur dieser Schule nahe der Provinzhauptstadt Siem Reap zu verbessern, hat Plan weitere Schulen gebaut und auch Jugendgruppen etabliert. Die Jugendlichen treffen sich einmal im Monat, um über ihre Probleme zu reden. "Durch die Roten Khmer sind viele soziale Strukturen zerstört worden", berichtet Schulleiter Lach Vibol. „Deshalb wollen wir bei den Kindern anfangen, sie wieder aufzubauen."

 

Aufklärung über Kinderrechte
Drei Jahrzehnte Krieg und Bürgerkrieg haben das Land und seine Menschen geschunden. Kaum einer, der während des blutigen Terrorregimes der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 keine Verwandten verloren hätte. Rund zwei Millionen Menschen starben auf den "Killing Fields" oder verhungerten. Danach folgten zehn Jahre vietnamesische Besatzung, erst seit 1998 gibt es politische Stabilität. Trotz ansehnlicher Naturschätze ist das Land mit seinen 13 Millionen Einwohnern bitterarm, mehr als ein Drittel lebt unterhalb der Armutsgrenze. Besserung erhoffen sich die Menschen vom aufblühenden Tourismus - angezogen von traumhaften Stränden und dem atemberaubenden Weltkulturerbe Angkor Wat.

 

Kinderrechte - das ist vielfach noch ein Fremdwort in Kambodscha. "Jeder zweite Junge und jedes dritte Mädchen werden von ihren Eltern geschlagen. Häufig erfahren die Kinder auch Gewalt in der Schule", berichtet Plan-Mitarbeiter Prum Thary. Das hat vor allem soziale, aber auch kulturelle Gründe. "Die Männer glauben, ein Recht zu haben, ihre Frauen und Kinder zu schlagen. Niemand schreitet ein, wenn das geschieht." Es gibt kein Gesetz gegen häusliche Gewalt. Jedes zweite Kind muss arbeiten, jedes dritte verlässt vorzeitig die Schule. Der Kinderhandel blüht. Schätzungen zufolge arbeiten rund 100.000 Kinder als Sexsklaven.

 

Bildung auf dem Vormarsch
"Viele Kinder wussten gar nicht, dass es so etwas wie Kinderrechte gibt", sagt die 19-jährige Chey Vathana. Sie leitet eine der Jugendgruppen an der Schule. Aus Scham erzählten die Mädchen und Jungen oft niemandem, dass sie zu Hause geschlagen werden. "In Rollenspielen klären wir auf, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Eltern Gewalt anwenden." Vathana ist sehr stolz, zur Schule gehen zu können. Aber nur drei ihrer sieben Geschwister dürfen das auch. Bis es 13 Jahre alt war, musste das aufgeweckte Mädchen zu Hause bleiben und seinem Vater bei der Reisernte helfen. Dafür ist die 19-Jährige jetzt umso engagierter bei der Sache und froh, dass sie schon so gut Englisch spricht. "Ich möchte, dass alle Kinder Englisch lernen", sagt sie und gibt deshalb jeden Abend ehrenamtlich Englischunterricht in ihrem Dorf.

 

Nur zwei Prozent der Mädchen und Jungen unter sechs Jahren gehen in Kambodscha in einen Kindergarten. "Kleinkinder werden meist sich selbst überlassen", erzählt Plan-Mitarbeiterin Buoy Sophalla. Um das zu ändern, hat die Organisation zusammen mit den Gemeinden 30 Vorschulen für die Jüngsten errichtet. Spätestens nach drei Jahren müssen diese Einrichtungen sich selbst managen können. Die Eltern werden dabei immer miteinbezogen. Neben ersten Schreib- und Rechenübungen werden die Motorik und kognitive Fähigkeiten trainiert, aber auch die Gesundheitshygiene gefördert.

 

Neuer sozialer Halt
Eine dieser Vorschulen liegt im Dorf Plong. Kleine Papierschwäne flattern an einer Leine im Wind, an der Brüstung hängen rot-weiß-karierte Tücher zum Trocknen. Rund 70 Jungen und Mädchen aller Altersstufen sitzen in drei Runden auf dem Fußboden des Pfahlholzhauses. Eifrig versuchen sie Teile eines Holzpuzzles zusammenzustecken. Ihre Mütter beobachten sie oder greifen helfend ein. "Seit es die Vorschule gibt, hat sich hier einiges verändern", sagt Chum Chea. Die 28-Jährige blickt stolz zu ihrem vier Jahre alten Sohn und der ein Jahr älteren Tochter. "Die Kinder wissen viel mehr, und ich kann sie besser verstehen." Ihre Tochter habe ihr sogar das Singen beigebracht. "Bildung ist sehr wichtig für unsere Kinder", bestätigt auch Sien Moek. Die 40-Jährige, die neun Kinder zur Welt gebracht hat, träumt von besseren Zeiten: "Bildung kann ein Weg aus der Armut sein."

 

Im Dorf Svay rennt ein Schwein grunzend zwischen den Pfahlbauten hin und her und schmeißt einen Topf mit kochendem Reis um, der bis dahin auf einer Feuerstelle brodelte. Die Kinder tollen herum und spielen mit der Wasserpumpe. Ein kleiner Junge hat sich aus Plastikflaschen ein Auto gebaut, das er stolz hinter sich herzieht. Im Schatten sitzt eine Gruppe von Müttern und lauscht den Ausführungen von Prak Houy. Die 41-Jährige wurde von Plan geschult. In der Elterngruppe lernen die Frauen Wissenswertes über Kindererziehung, Gesundheit und Ernährung. Gerade erklärt Houy, was bei Durchfall zu tun ist. "Für die Dorfbewohner hat das Programm viele Vorteile. Sie achten mehr auf Hygiene, halten die Häuser sauber, kochen das Wasser ab und schicken ihre Kinder zur Schule", sagt sie.

 

Hygiene und Gesundheit
Angesichts der hohen Infektionsgefahr ist sauberes Wasser auch in Kambodscha ein wichtiges Thema: Nur 30 Prozent der Bevölkerung sind damit bisher versorgt. Deshalb hat Plan eine simple Lösung gesucht und gefunden: In Schulen wird das Regenwasser in riesigen Tanks gesammelt oder mit einem einfachen Filtersystem gereinigt. "Ein Keramikfilter aus Ton, Reisspelzen und einer Silberschicht tötet die Bakterien", erklärt Plan-Mitarbeiterin Sakina Sakerwalla. Die Kinder bekommen Plastikflaschen, in denen sie das saubere Wasser nach Hause tragen. "Wir hoffen, dass sich dann auch die Familien für einen Wasserfilter entscheiden." Acht Dollar kostet so ein Filter, der über Mikrokredite bezahlt werden kann.

 

Eines der 7.400 Plan-Patenkinder in Kambodscha ist die neunjährige Sreilaen. Sie lebt mit ihren Eltern und vier älteren Geschwistern im Dorf Rumchek. Das fröhliche Mädchen ist das neunte Kind und das Nesthäkchen, die anderen Geschwister leben nicht mehr zu Hause. Außerdem gehören noch sechs Schweine, zwei Kühe und Hühner zum Haushalt. Die Familie ist gerade in ein neues Pfahlholzhaus gezogen und für kambodschanische Verhältnisse durchaus wohlhabend. Erreicht hat sie das vor allem durch Disziplin und Fleiß. Die Schweinezucht hat sich die Familie mit Hilfe eines Mikrokredits aufgebaut. Vater Suen ist Lehrer, Mutter Phon verdient etwas dazu, indem sie Reiswein brennt.

 

Disziplin und Fleiß
Morgens um 5.30 Uhr wird Sreilaen vom Hahn geweckt. Im Dorf ist es noch ruhig, eine Frau fegt den staubigen Boden mit einem Reisigbesen. Plötzlich ertönt der eindringliche Gesang eines buddhistischen Mönchs. In der Nachbarschaft gibt es eine Beerdigung. Sreilaen zieht ihre Schuluniform - weiße Bluse und blauer Rock - an. Zwei Freundinnen kommen vorbei, gemeinsam laufen die drei Mädchen im Morgendunst über die ausgetrockneten Reisfelder zur nahe gelegenen Schule. Dort bekommen sie eine Portion Reis zu essen.

 

Wenig später versammeln sich die Schüler aller Altersklassen vor dem Schulgebäude und singen die Nationalhymne. "Wir müssen hart arbeiten. Und wir müssen unsere Schule sauber halten", rufen sie und stürmen in die Klassenräume. Was Sreilaen über Deutschland denkt? "Ich glaube, die Menschen leben ein glückliches Leben in Deutschland. Aber ich bin hier genauso glücklich."

 

 

 

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