Besuch beim Patenkind: Der große Tag von Anna und Agnes

Als Anna Violetta Lex aus Bremen die kleine Agnes in Ghana besucht, ist ihr das Land des Patenkindes schon gut vertraut: Seit fünf Monaten arbeitet die Abiturientin im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres bei der Norddeutschen Mission in Ghana. Die junge Frau erzählt von ihren Eindrücken:

Aufgeregt sitze ich auf der schwarzen Ledercouch im Büro von Plan Ghana und starre die Wanduhr an. Verdammt, selbst nach fünf Monaten in Ghana kann ich die deutsche Überpünktlichkeit noch nicht abstellen. "Wir werden früh losfahren", hatte man mir gesagt. Meine Gedanken schweifen ab. Ein Mitarbeiter soll mich in das Dorf zu meiner "Schwester" und ihrer Familie bringen. Zu Agnes, dem knapp achtjährigen Mädchen, für das meine Mutter die Patenschaft übernommen hatte.

 

Es gibt verschiedene Plan-Projekte in der Region, in der Agnes und ihre Familie leben, zum Beispiel der Bau von Schulen inklusive Kantinen und Toiletten, die Unterstützung von Frauen beim Aufbau eines kleinen Geschäfts, die Verbesserung von Wassersystemen, die Einrichtung von Gesundheitsstationen sowie die Aufklärung über Sex und Aids.


Auf roter Sandpiste zur Schule

Die Mitarbeiter von Plan in Ghana kommen in die Gemeinden und erzählen über ihre Arbeit. Familien können sich dann dazu entschließen, mitzumachen. In den Dörfern gibt es immer einige Einheimische, die als Freiwillige mit Plan zusammenarbeiten. Sie helfen bei der Übersetzung der verschiedenen Sprachen und Dialekte – oder bei anderen Dingen. 

 

Es ist soweit: Auf holpriger, roter Sandpiste haben wir ihre Schule erreicht. Wir begrüßen zunächst die Lehrer und schauen dann in einige Klassen. Die Kinder sehen nicht oft Weiße hier, sind hin- und hergerissen zwischen Erschrecken und Begeisterung. Nach der Verwechslung der Mitarbeiter mit einem anderen Kind, das ebenfalls Agnes heißt, steht mein Patenkind schließlich eingeschüchtert und mit großen, klugen Augen vor mir. Ich erkenne sie vom Foto. Sie wird aus der Klasse geführt, ich spüre ihre Verunsicherung, als sie barfüßig neben mir zu dem riesigen Jeep läuft und in den Wagen klettert.  Auf der Fahrt ins Dorf überlege ich, dass Agnes diesen Weg jeden Tag zu Fuß hinter sich bringen muss und beschließe, ihr nächstes Mal Schuhe mit zu bringen. Ich reiche ihr eine Banane, und kann ihr ein kleines Lächeln abgewinnen.

 

Die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten

Im Dorf von Agens versammelt sich eine Schar neugieriger Kinder und Mütter um uns. Eine gute Gelegenheit, um meine Süßigkeiten zu verteilen. Langsam kommen auch die Ältesten des Dorfes zusammen, die mich interessiert betrachten und begrüßen. Während wir auf Agnes Vater warten, der vom Feld geholt wird, beschließe ich, etwas deutsche Heimatgeschichte in das afrikanische Dorf zu bringen. Ich beginne die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten zu erzählen und bitte jemanden, es zu übersetzen. Sowohl die Kinder als auch die Alten hören gespannt zu. Agnes sitzt mit gesenktem Kopf neben mir auf der Holzbank.

 

Schließlich trifft auch ihr Vater ein. Er ist mir auf Anhieb sehr sympathisch. Zu schade, dass ich nicht direkt mit ihm kommunizieren kann. Er stellt mir einige Fragen zu meiner Familie, was meine Eltern arbeiten und was ich mache, bedankt sich herzlich für meinen Besuch und entschuldigt sich, dass seine Frau unterwegs ist, um Ananas zu kaufen. Nachdem ich  Fotos von meinen Eltern gezeigt habe, verteile ich meine Geschenke. Die kleine Agnes wird bekommt neben etwas Kleidung auch Schulhefte und Stifte.


Verständigung auch ohne Worte

Als ich die Kochbananen, Yam und rotes Öl auspacke, bricht allgemeines Gelächter aus. Damit hat niemand gerechnet. Nun ja, ich bin eben doch schon ein kleines bisschen ghanaisch. Auch wenn ich darauf achte, dass es nicht zu viel wird, kann ich mich nicht dagegen wehren, mit einem großen Sack voller Kokosnüsse beschenkt zu werden. Nachdem wir noch für einige Fotos posiert haben, heißt es auch schon wieder Abschied nehmen.

 

Agnes hat während meines Besuches kein einziges Wort gesagt. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir uns auch ohne Worte verstehen. Durch kleine Gesten zeigt sie mir, dass sie Interesse an mir hat. Sie hat eine unglaubliche Ausstrahlung, mich hat die Begegnung mit ihr sehr berührt.


Der Dorfälteste hat alles im Blick

Auf dem Rückweg fahren wir noch an einer Schule vorbei, die gerade errichtet wird. Neben den Arbeitern sitzt der Dorfvorsteher in seinen Kentestoff gewickelt und beobachtet akribisch, dass alles seine Ordnung hat. Es fasziniert mich, denn nur genau so funktioniert die Arbeit hier. Es liegt in der Kultur der Menschen, von dem Ältesten angeleitet zu werden.


Es ist gut zu sehen, dass diese Struktur aufrecht erhalten wird und nicht durch eine Organisation von außen zerstört wird. Ich muss sagen, dass mich Plan und die Durchführung der Projekte sehr überrascht haben. Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut funktioniert. Besonders gefällt mir, dass alles von Einheimischen organisiert und durchgeführt wird. Nur so ist es möglich, Hilfe zur Selbsthilfe zu betreiben.

 

Nachdem mich Charles, der Mitarbeiter von Plan wieder zurück zu meiner Bleibe in Accra gebracht hat, bin ich erschöpft und glücklich. Dieser Ausflug war eine aufregende Erfahrung, die mich wieder einmal Menschen aus einer anderen Kultur näher gebracht hat, und auch einiges über mich selbst gelehrt hat.

 

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Mein Traum ist es, Ärztin zu werden, um den aidskranken Menschen in meinem Dorf zu helfen.

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