03.03.2008

Burkina Faso

Von der Mühle bis zur Aufpäppelstation

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Plan führt seit 1976 Entwicklungsprogramme in dem westafrikanischen Land durch, an denen rund 40.000 Patenkinder teilhaben. Einen Einblick in die Arbeit im Programmgebiet Kouritenga bekam Gerlinde Sommer, stellvertretende Chefredakteurin der Thüringischen Landeszeitung.

Der kleine Kader ist 20 Monate alt. Kinder in seinem Alter sind normalerweise kaum in Schach zu halten. Kader aber kann nicht stehen, er kann nicht gehen. Seine Beinchen sind spindeldürr, sein Kopf wirkt ungewöhnlich groß im Verhältnis zu seinem schmächtigen Körper. Kader wiegt keine sechs Kilogramm, elf wären normal für sein Alter. Müde liegt er im Arm seiner 30jährigen schicksalsergebenen Mutter. Er ist ihr Zweitgeborener. Sie hätte gerne fünf Kinder, sagt sie. Kinderreich zu sein, das bedeutet hier Lebenszweck und Altersversicherung.


Ihr Erstgeborenes ist zu Hause beim Vater. Dessen erste Frau sorgt für den Nachwuchs. Polygamie ist zwar seit 15 Jahren offiziell abgeschafft, auch Zwangsverheiratung soll es eigentlich nicht mehr geben. Doch dass ein Mann mehrere Frauen hat, ist noch längst nicht die Ausnahme und dass die Eltern ihre Tochter versprechen, hat Tradition – und gilt nicht generell als Kern des Problems.


Der Kern des Problems lässt sich schwer definieren. Es ließe sich sagen, dass dieser Landstrich südlich der Sahara womöglich einfach zu trocken und zu karg ist für Mensch und Tier. Und dass die Härte des Überlebens die Frauen in einer hierarchischen, auf Männer fokussierten Gesellschaft noch viel mehr trifft. Aber das ist keine Hilfe für die, die hier geboren sind und die hier absehbar ihr Leben lang bleiben werden.


Formen der Hilfe
Für sie heißt Hilfe, was Plan in seinen Projekten zusammen mit lokalen Partnern aufgreift: dass Brunnen gebohrt werden, dass Gärten angelegt werden, dass eine gemeinschaftliche Mühle gebaut wird, dass es endlich Familientoiletten gibt. Hilfe heißt, dass die Eltern die Geburt von Mädchen genauso selbstverständlich registrieren lassen wie von Jungen. Hilfe heißt, dass Töchter wie ihre Brüder in die Schule gehen dürfen. Hilfe heißt auch, dass es ein Ende haben muss mit der genitalen Verstümmelung von Mädchen und Frauen. Denn noch immer ist die so genannte Beschneidung als schwere Körperverletzung weithin verbreitet.


Doch darüber zu reden ist ein Tabu. So wie Familienplanung ein Tabu ist. So nutzen auch die in der Dorfapotheke ausgestellten Kondome wenig: Sie werden selten genutzt. Dass solcher Schutz aber wichtig ist, auch wegen der Gefahr, sich mit Aids anzustecken, macht ein großes Plakat am Rande der neuen Schnellstraße deutlich, auf der Lastwagenfahrer aus ganz Afrika unterwegs sind.


Hilfe zur Selbsthilfe

Salymata ist mit Kader in die von Plan finanzierte „Aufpäppelstation“ des Hospitals in Koupéla, der Provinzhauptstadt, gekommen. Hier werden momentan 20 junge Frauen und 30 kleine Kinder betreut. In Burkina Faso, heißt es, werden von 1.000 Neugeborenen nur 750 ihren fünften Geburtstag erleben. Die "Aufpäppelstation" soll Kindern wie Kader zum Überleben verhelfen - und mehr: Ein Garten gehört dazu. Süßkartoffeln, Karotten, Kohl, Zwiebeln, Grünzeug und Tomaten gedeihen prächtig. Mütter wie Salymata lernen hier, selbst Gemüse anzubauen und zuzubereiten. Jede von ihnen hat es bereits erfahren: Wer Karotten isst, leidet nicht mehr an Nachtblindheit. Wer Gemüse hat, ist nicht mehr so schwach. Das Saatgut kommt zu Beginn von Plan.

Geburtenregistrierung
Während Salymata Tag für Tag darauf hofft, dass Kader im Hospital dauerhaft zu Kräften kommt, sind in ihrem Dorf viele Frauen mit ihren Babys auf dem Weg zum Bürgermeisteramt. Dort werden jetzt regelmäßig die Geburten registriert. Hinter einer Schreibmaschine sitzt ein Helfer von Dorfchef Djibril Yameogo. Gerade hat er die Geburtsanzeige von Jean-Didier aufgenommen. Wer sein Kind anmeldet, darf ein Moskitonetz mitnehmen. Das ist ein wichtiger Anreiz in einer Region, in der Malaria weit verbreitet ist.


Dass Yameogo Standesamtsaufgaben übernehmen kann, liegt an der Verwaltungsreform vor zwei Jahren und daran, dass Plan die nötigen Einrichtungsgegenstände besorgte: Schrank, Schreibtisch, ein Regal. Sonst müssten die Akten auf dem Fußboden gestapelt werden. Yameogo ist ein guter Bürgermeister, einer, der sich über sein Amt hinaus für die Entwicklung im Dorf engagiert. Stolz zeigt er unter anderem die Apotheke, führt vorbei am Dorfschmied und am kleinen Freiluftgrill bis zu einer Art Tante- Emma-Laden, unter dessen Vordach die kleine Balkisa sitzt, ein siebenjähriges Mädchen, das vor einer Stunde feierlich seine Geburtsurkunde erhielt.


Das Mädchen bekam nach Befragung seiner beiden Onkel das Jahr 2000 als Geburtsjahr zugeteilt. Genauer konnten sie es nicht bezeugen. Bei einem Brand sei der Mutterpass verloren gegangen. Nun aber hätten sie sich aufgemacht, damit Balkisa in die Schule gehen kann. Gerade für Mädchen ist es wichtig, eine amtsbekannte Person zu sein, denn ohne Registrierung sind sie rechtlos und werden oft leichte Beute von Durchreisenden, die den Eltern Versprechungen machen und das Kind dann auf Nimmerwiedersehen mitnehmen.


Mühle für die Selbständigkeit
Im Ort Tarbonessin besuchen wir eine Mühle. Es riecht nach Maschinenöl und frisch geschrotetem Getreide und es ist laut. Gemahlen wird helle und rote Hirse. Eine Frau sitzt an der Maschine und sorgt dafür, dass ständig Korn zwischen die Mahlsteine fließt, eine zweite gießt oben Getreide nach. Für die Wartung der Technik ist ein junger Mann zuständig. Die Müllerei aber ist Frauensache. Sie haben mehrfach etwas von dieser Investition, die mit einem Plan-Projekt begann, das inzwischen in Eigenverantwortung überführt wurde. Ein nachhaltiger Erfolg.


Vor zehn Jahren half Plan beim Mühlenbau. Auch der Techniker wurde ausgebildet. Eine Mühle ist viel wert, weil die Frauen nicht mehr stundenlang von Hand das Korn stampfen müssen. Sie können nun die Zeit anders nutzen, für neue Geschäftsideen. Auch für deren Finanzierung liefert die Mühle die Grundlage. Die Frauen haben gelernt, die Mühle in einer Kooperative zu führen, das Mahlgeld zu verwalten. Wer zwei Töpfe voller Getreide mahlen lässt, muss 100 CFA-Franc bezahlen. 400 CFA sind etwa ein Dollar.


Mikrokredite in Eigenregie
Aus diesen Einnahmen werden die laufenden Kosten beglichen und die Mikrokredite abgezweigt: 5.000 CFA kann eine Frau erhalten, zu zehn Prozent Zinsen. Der Frauenkreis berät, welche der derzeit 70 Ideen unterstützt wird – und welche Familie eine Saison lang warten muss. Derzeit gibt es 35 Kleinkredite. Einen davon nutzt Ami Tirogo (35), Mutter von fünf Kindern. Sie hat schon gutes Geld gemacht: Sie fertigte Linsenbällchen, die sie auf dem Markt in Koupéla verkaufte. 15.000 CFA konnte sie einnehmen, mit der Rückzahlung hat sie kein Problem. Sie wird sich in der kommenden Saison das Linsenbällchengeschäft auch ohne Zuschuss aus der Mühle leisten können.


Nicht nur als Kleinunternehmerin ist Ami Tirogo vorausschauend: Mit den anderen Frauen überlegt sie, neben der Getreidemühle eine Nussmühle anzuschaffen. Zugleich ist absehbar, dass das alte Mahlwerk ersetzt werden muss. Doch darüber gibt es noch Diskussionsbedarf – und zwar auch deshalb, weil eine Neuanschaffung zeitweilig zu Lasten des mühleneigenen Kleinkreditprogramms gehen würde.


Wasser für Bildung
Auf gutem Wege ist man in Kouritenga auch im Dorf Boto. Schon am Dorfeingang ist der Schulgarten zu sehen, nebenan ein Brunnen. Das Gemüse ist für den Eigenbedarf und für den Verkauf. In der Schule wird Ernährungskunde unterrichtet – und kleine Kinder erhalten eine Wurmkur. Oder eine weitere Siedlung: Quenga hat nun Kindergarten, Vorschule, Schule samt Lehrerwohnung. Es wurden 177 Familientoiletten gebaut. Es gibt elf Brunnen. 235 Patenkinder leben im Ort, Plan arbeitet speziell hier seit 1999. Die gute Entwicklung lässt sich am Gesundheitszustand und an der schulischen Bildung ablesen


So wichtig wie Wasser ist Bildung. Während beides in Boto und Quenga deutliche Fortschritte gemacht hat, ist die Lage in Liguidi-Malguem südlich von Koupéla durch den wiederholten Ausfall von Brunnen gekennzeichnet. Der Unmut ist groß bei den Frauen, weil sie noch immer so weit gehen müssen bis zum nächsten Brunnen. Plan stellt Abhilfe in Aussicht.


Beim Besuch der Schule zeigt sich, dass hier unter bescheidenen Bedingungen gute Arbeit geleistet wird von den acht Lehrerinnen und Lehrern, die bis zu 60 Kinder in einem Klassenraum unterrichten. In die Schule gehen zu dürfen ist ein Privileg – vor allem die Mädchen wissen, wie schnell damit Schluss sein kann, wenn zu Hause ein weiteres Geschwisterchen geboren wird und von der großen Schwester versorgt werden muss. Der Kinderalltag besteht hier aus vielen Pflichten.


Ein naher Brunnen also kann zur Folge haben, dass ein Mädchen zu Hause länger entbehrt werden kann – und ist damit auf Umwegen auch eine Bildungsinvestition. Und der Garten versorgt nicht nur mit gesunder Kost, sondern eröffnet auch Berufsperspektiven: Schulgartenchef Belemkoa aus Boto will Gärtner werden. Schon jetzt kümmert er sich auch im Garten seines Vaters um die Bewässerung.


AddThis Social Bookmark Button