04.07.2011

Liberia

Solidarität mit ivorischen Flüchtlingen

Nach den Präsidentschaftswahlen kam es in der Elfenbeinküste Ende 2010 zu gewaltsamen Ausschreitungen. Etwa 150.000 Ivorer flohen nach Liberia. Plan-Katastrophenkoordinator Berenger Berehoudougou berichtet von seiner Arbeit in den Camps und Dörfern im Osten des Landes.

Plan-Katastrophenkoordinator Berenger Berehoudougou arbeitete zwei Monate in den Bezirken Nimba und Grand Geneh im Osten Liberias. Dort leben zum Teil vier bis fünf mal mehr ivorische Flüchtlinge als Einheimische. Sie sind bis zu 200 Kilometer durch den Regenwald gelaufen, haben sich über Wochen nur von Blättern und grünen Bananen ernährt. Manche wurden überfallen und konnten sich nur nackt über die Grenze retten. Plan leistet Nothilfe, betreut traumatisierte Kinder und sorgt für ihren Schulunterricht.

 

Kann ein Land wie Liberia nach 14 Jahren Bürgerkrieg mit einem solchen Flüchtlingsstrom fertig werden?

Nein, die Regierung ist überfordert. Liberia ist ein fragiles Land, das selbst noch Jahre brauchen wird, um sich von seinem Bürgerkrieg zu erholen. Schulen sind zerstört, die Infrastruktur muss erst wieder aufgebaut werden. Es fehlen Lehrer, Gesundheitspersonal und andere Fachkräfte. Viele Liberianer kommen erst jetzt wieder in ihr Land zurück und müssen neu integriert werden. Im Human Development Index der Vereinten Nationen belegt das Land Rang 162 von 169 Staaten. In der Flüchtlingsregion gibt es kaum Straßen, die meisten Brücken sind kaputt und seit dem Beginn der Regenzeit im April sind viele Pisten unpassierbar. 9.000 Soldaten der UN-Friedenstruppe sind immer noch im Land, patrouillieren in den Grenzregionen und helfen, Straßen wieder aufzubauen, vor allem in Grand Gedeh, wo die Zerstörungen besonders groß sind.

 

Was haben die Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Liberia durchgemacht?

Sie haben unfassbar viel Leid erlebt, mussten wegen der Feuergefechte oft flüchten mit nichts als dem, was sie am Körper trugen. Viele verirrten sich im Regenwald, weil sie nachts flohen und es keine richtigen Straßen abseits der offiziellen Grenzposten gibt. Auch aus dem Süden der Elfenbeinküste kamen viele Menschen nach Liberia. Sie haben den früheren Präsidenten Laurent Gagbo unterstützt und fühlen sich nicht mehr sicher, weil sie Racheakte durch die Milizen des neuen Präsidenten befürchten.

 

Milizionäre können sich unter Flüchtlinge mischen und gegen politische Gegner vorgehen? Sind die Flüchtlinge in den Grenzgebieten Liberias sicher?

Die Situation ist in der Tat sehr komplex und es hat Fälle gegeben, in denen bewaffnete Ivorer versucht haben, nach Liberia einzudringen. Wir haben jedoch Unterstützung durch die UN-Friedenssoldaten, die das Grenzgebiet zusammen mit rund 7.000 liberianischen Soldaten kontrollieren. Angriffe in unseren Flüchtlingsregionen hatten wir bisher keine.

 

Was haben die Menschen auf der Flucht erlebt?

Häufig sind sie direkt aus einer Kampfsituation geflohen, mussten mit ansehen, wie ihre Ehepartner oder Verwandten erschossen wurden. Unter den Flüchtenden waren vor allem Frauen mit ihren Kindern. Die Männer haben noch versucht, das Hab und Gut zuhause zu schützen. Manche Frauen und Kinder waren zwei, drei Wochen zu Fuß unterwegs. Sie mussten sich im Regenwald von wilden Bananen, Wurzeln und Blättern ernähren. Banditengruppen und Milizionäre haben Flüchtlinge überfallen ihnen sogar ihre Kleidung weggenommen.


Félicité, eine Frau Anfang 30, kam mit drei kleinen Kindern hier an: Ihrer dreijährigen Tochter, ihrem einjährigen Sohn und der sechsjährigen Tochter ihrer Schwester. Straßenräuber hatten sie unterwegs überfallen und ihnen alles weggenommen, sogar ihre Kleider. Sie waren komplett nackt. Félicités Schwester war auf dem 200 Kilometer langen Fußmarsch schwer krank geworden und starb. Sie mussten sie irgendwo im Busch zurücklassen. Anfangs waren Félicité und die Kinder so traumatisiert, dass sie nicht mehr sprechen konnten. Sie kamen aus einem Dorf bei  Duekoue, einer Stadt, wo Hunderte Menschen getötet worden sein sollen.

 

Wie kann man Menschen wie Félicité und ihren Kindern helfen, solche Erlebnisse zu verarbeiten?

Zuerst einmal geht es einfach darum, wieder ein Dach über dem Kopf zu haben und etwas zu essen zu bekommen. Wichtig ist das Gefühl, nach solch einer Odyssee endlich in Sicherheit zu sein. Wir bieten Gesprächsgruppen an und unterstützen die Gemeinden dabei, Schutzzonen für Kinder zu schaffen, wo diese spielen, singen und sich austauschen können. Es mag banal klingen, aber es ist so wichtig, dass Kinder wieder spielen können, dass ihre Tage Struktur bekommen und sie Alltag im positiven Sinne erleben. Wenn sie es schaffen, dass Kinder, die traumatisiert sind, wieder spielen und sich austauschen mögen, dann ist ganz viel gewonnen.

 

Plan-Psychologen bilden auch Lehrer aus, so dass sie Anzeichen für psychische Störungen bei Kindern erkennen und zum Beispiel Selbstmord gefährdete Kinder unterstützen. Oft reagieren schwer traumatisierte Kinder aggressiv oder verhalten sich extrem introvertiert. Für solche Fälle arbeiten wir mit Partnerorganisationen zusammen, die ihnen gezielt helfen können.

 

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews mit Berenger Berehoudougou. Auf unserer Website finden Sie zudem einen Bericht über die 21-jährigen Angen, die auf der Flucht nach Liberia ihr drittes Kind gebar.

 

Nothilfe-Fonds von Plan

Bisher hat Plan 1,4 Millionen US-Dollar in die Nothilfe für Liberia zur Verfügung gestellt. So können die Flüchtlinge mit Kleidern, Decken und Nahrungsmitteln versorgt werden und die Kinder zur Schule gehen. Plan Deutschland bittet um Unterstützung für seinen Nothilfe-Fonds:

 

Plan International Deutschland e.V.
Deutsche Bank
Konto-Nr. 061281202
Bankleitzahl 200 700 00
Stichwort "Nothilfe"

 

Spenden Sie online oder senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort PLAN an die 81190. Damit unterstützen Sie Plans Nothilfe-Fonds direkt.*

 
* Eine SMS kostet 5 Euro plus die normale Gebühr, die Sie bei Ihrem Mobilfunkanbieter für das Verschicken einer SMS bezahlen. Die Abrechnung erfolgt über Ihren Mobilfunkanbieter. Davon gehen 4,83 Euro direkt an Plan. 17 Cent gehen an die spendino GmbH für die Abwicklung und Abrechnung der SMS-Spenden.

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