Liberia
Hilfe für ivorische Flüchtlingskinder
Rund 150.000 ivorische Flüchtlinge sind wegen politischer Unruhen und Gewalt ins Nachbarland Liberia geflohen, darunter viele Frauen und Kinder. Plan-Katastrophenexperte Berehoudougou erklärt, wie Plan die Kinder schützt und ihnen hilft, dass sie zur Schule gehen können. (Interview Teil II)Roland Berenger Berehoudougou, Katastrophenexperte für Plan Westafrika arbeitete von Anfang März bis Ende April 2011 mit ivorischen Flüchtlingen und Liberianern in den ostliberianischen Grenzprovinzen Nimba Conty und Grand Gedeh. Der 36-Jährige ist ausgebildeter Psychologe und leitet in Senegal, Dakar, das 13-köpfige Katastrophenschutzteam des westafrikanischen Regionalbüros des Kinderhilfswerks.
Roland, wie sehen solche Kinder-Schutzzonen aus und wie schützt man Kinder davor, verloren zu gehen?
Die Betreuung der Mädchen und Jungen findet zum Beispiel in Kirchen statt oder in Gemeinderäumen, manchmal aber auch auf dem Dorfplatz unter einem Baum. Viele Dörfer haben mit Hilfe der Plan-Experten eigene Räume für ihre Kinderzentren gebaut, mit Rohmaterialien aus ihrem Umfeld. Die sichere Betreuung der Kinder ermöglicht den Eltern ohne Sorge, aufs Feld zu gehen und zu arbeiten.
Zusammen mit den Mitarbeitern des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) haben wir alle Kinder zu Beginn unserer Arbeit registriert und Listen angelegt, welches Kind wohin gehört. Wir haben die Gemeinden unterstützt, Kinderschutz-Komitees zu gründen. In solchen Situationen ist es sehr wichtig, neue soziale Strukturen zu schaffen. Nicht wenige Kinder wurden während der Flucht von ihren Eltern getrennt. Wir helfen ihnen, zu ihren Eltern oder Verwandten zurückzufinden, fotografieren sie zum Beispiel und hängen die Bilder in den Camps aus, um Angehörige aufzuspüren. Bis die Angehörigen gefunden sind, werden die Kinder in Gastfamilien untergebracht. Oft brauchen Mütter auch Hilfe, ihren Ehemann wieder zu finden.
Gibt es auch Angebote für liberianische Kinder?
Selbstverständlich, in den Sport-, Tanz- und Theatergruppen, die Plan organisiert, spielen liberianische und ivorische Kinder zusammen. Sie leben ja auch sonst auf engstem Raum zusammen und sprechen dieselbe lokale Sprache. Sie diskutieren gemeinsam, wie Kinder besser geschützt werden können und was aus ihrer Sicht verbessert werden müsste. Daraus machen wir dann häufig einen Radiobeitrag und geben ihn dann an lokale Sender. Plan Westafrika hat viel Erfahrung mit "Kidswaves", einem Kindermedienprogramm, das wir überall mit viel Erfolg einsetzen.
Sind Mädchen nicht besonders gefährdet? Wie schützt Plan sie?
Mädchen helfen häufig beim Wasserholen, und das kann gefährlich sein, wenn Wasserstellen unübersichtlich und dunkel sind. Wir halten Wasserstellen und Brunnen frei von Gebüsch und Bäumen, so dass die Orte einsehbar und offen bleiben. Mädchen brauchen außerdem eigene Latrinen. Wenn wir provisorische Schulen bauen, gehören nach Geschlechtern getrennte sanitäre Anlagen immer dazu. Ältere Flüchtlingsmädchen arbeiten auch häufig in liberianischen Haushalten. Wir sensibilisieren sie dafür, wie sie sich gegen mögliche Übergriffe schützen können und sprechen mit den Arbeitgebern, dass sie die Mädchen für den Unterricht freistellen müssen. Das trauen sie sich oft nicht. Wenn man als Flüchtling mit nichts dasteht, ist es schwer, sich für seine Rechte einzusetzen. Dann sind die Eltern einfach nur froh, dass ihre Tochter als Gegenleistung für die Hausarbeit etwas zu essen bekommt oder ein bisschen Geld.
Plan sorgt dafür, dass Kinder weiter zur Schule gehen können. Wie ist das zu bewerkstelligen angesichts dieses Flüchtlingsstromes?
Das liberianische Bildungsministerium hat uns erlaubt, die Schulen in mehreren Schichten zu nutzen. Morgens werden die liberianischen Kinder auf Englisch unterrichtet, nachmittags die ivorischen Kinder auf Französisch. Zuerst mussten wir genügend Lehrer unter den Ivorern ausfindig machen und sie in Kursen und Tests auf ihre Tätigkeit vorbereiten. Dann haben wir das Copyright auf ivorische Schulbücher eingeholt, um Lehrmaterial zu haben, denn die ivorischen Kinder müssen ja nach ihren Lehrplänen unterrichtet werden. Durch Plan gehen 3.500 ivorische Mädchen und Jungen jetzt wieder zur Grundschule. Mit der weiterführenden Schule ist das schwieriger zu organisieren. Wir haben Lerngruppen eingerichtet, so dass ältere Kinder jüngere Mitschüler unterrichten können. Aber da kommt man an Grenzen des Machbaren. Wie soll man so schnell Fachkräfte für Mathematik oder Chemie für unterschiedliche Stufen finden?
So viele Menschen auf engem Raum: Gibt es Konflikte zwischen den ivorischen Flüchtlingen und den Liberianern?
Nein, die Situation ist sehr schwierig für alle, aber Zusammenstöße und Gewalt gibt es kaum. Die Grenze zwischen Elfenbeinküste und Liberia wurde ja von den Kolonialmächten gezogen. De facto haben die ethnischen Gruppen über diese künstliche Grenze hinweg schon immer Kontakt miteinander gehabt. Viele Ivorer haben Verwandte in Liberia und umgekehrt. Sie sprechen die gleiche lokale Sprache. Die Liberianer zeigen enorm viel Solidarität mit den Flüchtlingen und teilen bereitwillig alles mit ihnen: Häuser, Essen, Tiere und Felder. Vielen ist eine solche Situation vertraut, weil sie selber während des liberianischen Bürgerkrieges in die Elfenbeinküste fliehen mussten. Es gibt in der Region etwa zehn Flüchtlingscamps, in denen Plan nicht direkt arbeitet. Die Ivorer gehen jedoch lieber zu Freunden, Verwandten oder aufnahmewilligen Liberianern. Sie fühlen sich fremd in den Camps und befürchten, dass es zu Konflikten kommen könnte, weil Anhänger des alten wie neuen Präsidenten der Elfenbeinküste dort auf engem Raum zusammenleben.
Die Ivorer helfen dafür bei der Feldarbeit mit, unterstützen ihre Gastgeber, wo es irgend geht. Trotzdem sind Nahrungsmittel knapp. Viele Menschen suchen sich wilde Früchte und Wurzeln, weil das Essen oft nicht wirklich reicht. Plan unterstützt die Flüchtlinge dabei, kleine Holzhäuser auf dem Grundstück ihrer Gastgeber zu bauen, damit sich die Situation entspannt. Denn es wird keine schnelle Lösung geben. Wir rechnen nicht damit, dass die Flüchtlinge vor Ende des Jahres in ihr Land zurückkehren können.
Viele Probleme lassen sich nicht gleich lösen. Macht das manchmal hilflos?
Ja, es ist schwer, das Leid der Flüchtlinge unmittelbar zu erleben. Es kann einem fast das Herz brechen, wenn Kinder erzählen, dass sie während der Flucht hundert Kilometer zu Fuß durch den Regenwald laufen mussten und sich nur von Blättern ernährten. Und es ist schwer zu ertragen, dass Kinder sich in den Schulklassen nicht konzentrieren können, weil ihr Magen leer ist.
Was war die positivste Erfahrung vor Ort?
Es hat mich fasziniert zu sehen, wie schnell wir mit den Gemeinden Kindergärten und Schutzzentren gebaut haben und wie enthusiastisch sich die Menschen an dieser Arbeit beteiligen. Die vielen freiwilligen Helfer haben mich zutiefst beeindruckt und mir gezeigt, wie sehr Menschen in der Lage sind, sich selbst zu helfen, wenn sie entsprechend stark gemacht werden.
Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews mit Berenger Berehoudougou. Auf unserer Website finden Sie zudem einen Bericht über die 21-jährige Angen, die auf der Flucht nach Liberia ihr drittes Kind gebar.
Nothilfe-Fonds von Plan
Bisher hat Plan 1,4 Millionen US-Dollar in die Nothilfe für Liberia zur Verfügung gestellt. So können die Flüchtlinge mit Kleidern, Decken und Nahrungsmitteln versorgt werden und die Kinder zur Schule gehen. Plan Deutschland bittet um Unterstützung für seinen Nothilfe-Fonds:
Plan International Deutschland e.V.
Deutsche Bank
Konto-Nr. 061281202
Bankleitzahl 200 700 00
Stichwort "Nothilfe"
Spenden Sie online oder senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort PLAN an die 81190. Damit unterstützen Sie Plans Nothilfe-Fonds direkt.*
* Eine SMS kostet 5 Euro plus die normale Gebühr, die Sie bei Ihrem Mobilfunkanbieter für das Verschicken einer SMS bezahlen. Die Abrechnung erfolgt über Ihren Mobilfunkanbieter. Davon gehen 4,83 Euro direkt an Plan. 17 Cent gehen an die spendino GmbH für die Abwicklung und Abrechnung der SMS-Spenden.




