Ruanda
"Banyarwanda lieben ihre Kühe"
Die Milchkuh für Familien in Ruanda ist eines der beliebtesten Geschenke der Online-Aktion "Sinnvoll schenken". Plan-Mitarbeiterin Claire Grauer hat sich das Projekt im Nordosten Ruandas angeschaut und schildert in ihrer Reportage, wie 118 Familien "ihre Kuh" bekamen.Wir sind auf dem Weg nach Gatsibo im Nordosten Ruandas, und ich bin sehr gespannt, denn heute werde ich dabei sein, wenn 118 Familien je eine Milchkuh bekommen. Wir, das sind vier Kolleginnen und Kollegen von Plan Ruanda, ich als Mitarbeiterin von Plan Deutschland und ein Journalist.
Als wir nach etwa 90-minütiger Fahrt von der Hauptstadt Kigali aus in Gatsibo ankommen, ist es 10.00 Uhr morgens und schon sehr heiß. Ich frage mich, warum ich ausgerechnet eine schwarze Bluse anziehen musste… "Halt! Kein Jammern auf hohem Niveau", denke ich jedoch, als ich die vielen Menschen sehe, die auf der Wiese neben einem Tiergehege warten - bestimmt schon mehrere Stunden. Alte, Junge, Frauen, Männer und natürlich viele Kinder sitzen oder stehen in der prallen Sonne. Ein Teil der Mädchen und Jungen trägt ihre Schuluniformen, wie oft in Ostafrika, wenn es einen besonderen Anlass gibt. Manche Menschen schützen sich mit Regenschirmen vor der Sonne, doch die meisten halten so durch.
Ein Teil der Kühe ist schon da, ein anderer wird noch erwartet. Die Tiere stehen inmitten einer umzäunten Wiese und wirken erstaunlich ruhig - der Transport auf der Schotterpiste von der Weide bis hierher steckt ihnen wohl noch in den Knochen. Die Anlieferung wird von Geneviève Kayesu beaufsichtigt. Sie ist Community Development Facilitator bei Plan Ruanda.
"Wazungu" machen merkwürdige Dinge
Nachdem ich mich den Kollegen aus Gatsibo vorgestellt habe, will ich die Kühe aus der Nähe sehen. Ich klettere also über den Zaun in das Gehege, und da sind sie: braune, schwarze, weiße und gefleckte Kühe. Etwa 15 Kinder folgen mir und beobachten genau, was ich mache. Als mzungu, Europäerin, stehe ich fast überall unter besonderer Beobachtung. Verständlich, denn wazungu machen immer merkwürdige Dinge – zum Beispiel dutzende Fotos ganz normaler Kühe oder vollkommen unspektakulärer Alltagssituationen.
Noch habe ich nicht den banyarwanda-Blick für eine Kuh (banyarwanda bezeichnet die Einwohner Ruandas). "Banyarwanda love cows" bekomme ich an diesem Tag immer wieder zu hören. Nachdem ich einige hundert Kühe gesehen habe, bilde ich mir ein, meinen Blick für die Qualität eines Tieres schon geschärft zu haben. Ich kann eine schöne von einer besonders schönen Kuh unterscheiden – denke ich zumindest - und wahrscheinlich möchten mich meine Kollegen auch in diesem Glauben lassen, denn in Ostafrika ist man Gästen gegenüber immer um Höflichkeit bemüht.
Das Los entscheidet, wer welches Tier bekommt
Geneviève ruft mich, denn nun beginnt das Wichtigste: Die zuvor von den Gemeindemitgliedern während einer Versammlung ausgewählten Familien erhalten ihre Kühe. Die Tiere werden per Losverfahren verteilt, auf den Losen stehen dabei die Nummern der Ohrmarken. Dieses Zufallsprinzip gewährleistet ein transparentes Vorgehen. Niemand kann sich zum Beispiel darüber beschweren, nur die zweitschönste Kuh bekommen zu haben. Die Familien mussten zuvor nachweisen, dass sie eine Kuh unterbringen und füttern können. Außerdem sind sie verpflichtet, das erste weibliche Kalb ihrer Kuh an eine weitere Familie abzugeben, die bereits benannt wurde. Plan sorgt dafür, dass die Kühe tiermedizinisch versorgt werden.
Zwei Ohrmarken gingen verloren
Zwei Familien werden heute übrigens ohne ein Tier nach Hause gehen und eine Woche warten müssen, bis die nächste Herde verteilt wird. Grund dafür ist, dass zwei Kühe während des Transports ihre Ohrmarke verloren haben. Nun kann nicht gewährleistet werden, dass es wirklich die Tiere sind, die Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden von Gatsibo mit Unterstützung von Plan einige Tage zuvor bei einem Viehhändler ausgesucht hatten.
Die Verteilung der Kühe ist nun in vollem Gange, die ersten Familien treiben ihre Tiere schon nach Hause. Ich bin beeindruckt von der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen aus Ruanda, die hier ein unglaublich komplexes Vorhaben sehr professionell abwickeln. In Gatsibo ist "Plan Ruanda" mittlerweile sowieso gleichbedeutend mit "Kuhprojekt" - so prominent ist das Vorhaben geworden. Es zeigt auch, wie bedeutend eine Kuh für die banyarwanda ist.
Die Kuh: Milchlieferant, Wertanlage und Statussymbol
Als Ethnologin interessiert mich besonders, welche kulturelle Bedeutung eine Kuh in Ruanda hat. "Die Menschen lieben ihre Kühe wirklich", erfahre ich von Geneviève. Kühe sind nicht nur Nutztiere, die den Familien mit täglich fünf bis zehn Litern Milch eine gute Ernährungsgrundlage geben, sondern auch eine Wertanlage. Kühe sind zugleich auch Statussymbole und spielen eine große Rolle im sozialen Miteinander. Ein Teil des Brautpreises muss zum Beispiel mit Kühen bezahlt werden. Der Brautpreis gilt übrigens, nebenbei bemerkt, nicht als "Kaufpreis" für eine Braut, sondern vielmehr als Geste des Respekts gegenüber der Familie, die eine Tochter verliert.
Aber das führt jetzt schon wieder zu weit. Was ich eigentlich mit diesen doch recht vielen Worten sagen wollte, ist einfach dies: Ich bin beeindruckt vom großartigen Engagement der Menschen in den Gemeinden, von den vielen Freiwilligen, die Plan unterstützen bei der aufwändigen Logistik, die hinter dem Kuhprojekt steckt. Ich bin glücklich, dass Plan Ruanda es mir ermöglicht hat, so viele Eindrücke mitzunehmen. "Murakoze cyane, vielen Dank!"
Den vollständigen Bericht können Sie im Weltgeschichten-Blog von Plan nachlesen. Über Sinnvoll schenken können Sie eine Kuh oder eines der weiteren 21 sinnvollen Geschenke erwerben und damit ein Plan-Projekt unterstützen.




