El Salvador
"Plan hat mir eine Chance gegeben"
Rosa Cándida Alas de Menjívar ist Bürgermeisterin der Stadt Las Vueltas. Das ist selten genug für eine Frau in El Salvador. Durch ihre Arbeit für Plan bekam die junge Frau Selbstbewusstsein und wurde schließlich Lokalpolitikerin. Eine Reportage von Verena Richter von der Zeitschrift "emotion".Die Wände des Rathauses in Las Vueltas sind rot gestrichen. Das ist üblich, wenn die linke Partei FMLN eine Stadt in El Salvador regiert. Unüblich ist allerdings, dass eine Frau den Vorsitz hat – in einem Land, in dem Frauen aufs Brutalste unterdrückt werden. Rosa Cándida Alas de Menjívar jedoch hat sich durchgesetzt: "Das Departamento Chalatenango besteht aus 33 Gemeinden", erzählt die ehemalige Plan-Mitarbeiterin. "Nur zwei haben eine Bürgermeisterin. Eine davon bin ich." Sie wurde sogar zur Repräsentantin all dieser Bürgermeister gewählt. "Ich habe es geschafft, weil Plan mir eine Chance gegeben hat", erklärt die 34-Jährige. Und weil ihre Lebensgeschichte, die so sehr mit der Geschichte ihres Landes verbunden ist, sie zu der Frau gemacht hat, die sie heute ist: stark und kämpferisch.
Armee steckte ihr Haus in Brand
Rosa war fünf Jahre alt, als das Haus ihrer Familie von der salvadorianischen Armee in Brand gesteckt wurde. Im gleichen Jahr wurde Erzbischof Óscar Romero getötet, der sich gegen die Militärdiktatur gewendet und für soziale und politische Reformen eingesetzt hatte. Seine Ermordung markiert den Beginn des Bürgerkriegs in El Salvador, der von 1980 bis 1992 toben sollte.
Schon lange zuvor wurde die Bevölkerung auf dem Land terrorisiert. Die paramilitärische Organisation "Orden" schlug Aufstände nieder, in denen die Bauern mehr Geld und Land forderten. "Meiner Großmutter haben sie die Kehle durchgeschnitten", sagt Rosa. Sie sitzt aufrecht da. Das Licht, das durch die Fensterläden fällt, lässt die Entschlossenheit in ihrem Gesicht erkennen.
Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg
Seit der Brand ihr Zuhause zerstörte, waren Rosa und ihre Familie auf der Flucht. Übernachteten in leer stehenden Häusern und in unterirdischen Berghöhlen. "Einmal war mein Vater unterwegs, um etwas zu Essen aufzutreiben, als wir über uns Schritte hörten. Soldaten", erzählt Rosa und streicht ihr dunkles Haar aus der Stirn. "Wir hatten furchtbare Angst, dass sie bemerken würden, dass der Boden hohl klingt." Doch die Männer gingen weiter, ihre Stimmen wurden leiser – und die Anspannung wich der Erschöpfung. Damals konnte jeder Opfer einer Schießerei werden. Egal ob Guerillakämpfer, Familienvater oder kleines Mädchen.
1986 ließ sich ihre Familie in Las Vueltas nieder: "Es lebten gerade mal sechs Familien hier." Und mit 13 Jahren trat Rosa in die Guerilla ein. Zuerst half sie in der Küche. Dann folgte eine Ausbildung zur Funkerin. In der Guerilla lernte Rosa ihren Mann kennen. Als 1992 endlich die Friedensverträge unterzeichnet wurden, war sie schwanger. "Wir haben uns die Verantwortung für das Kind geteilt", sagt Rosa. Eine große Ausnahme in El Salvador und Vorraussetzung dafür, dass die junge Mutter die Schule beenden konnte. Schon während des Bürgerkriegs hatte sie immer wieder "mobile Schulen" besucht: in Häuserruinen ohne Dach, mit Kohle statt Kreide.
Hilfe von Plan
Als ihr Sohn ein Jahr alt war, ließ sie ihn als Patenkind bei Plan registrieren und wurde selbst zu einer freiwilligen Helferin der Organisation. Schon seit 1976 arbeitet Plan in El Salvador und hat sich auch während des Bürgerkriegs nicht aus dem Land zurückgezogen. Rosa nahm an Fortbildungsprogrammen teil, in denen es um Kindererziehung, Gesundheit und Hygiene ging. Besonders hilfreich: die Kommunikationskurse. Dort lernte sie, offen zu sprechen, auf anderen einzugehen und die eigenen Bedürfnisse zu formulieren: "Früher war ich sehr schüchtern", sagt die heute so selbstbewusste Frau. Und ihre Arbeit hatte noch andere Vorteile: Da sie regelmäßig die Familien der Gemeinde besuchte, um Informationen für den jährlichen Abschlussbericht zu sammeln, wurde Rosa immer bekannter. Außerdem lernte sie die Bewohner kennen und ihre Vorstellungen von einem besseren Leben.
"Irgendwann fragte man mich, ob ich als Bürgermeisterin kandidieren wolle." Was für eine Herausforderung! Denn die meisten zweifelten an ihren Fähigkeiten schon allein deshalb, weil sie eine Frau ist. "Sogar andere Frauen trauten mir nichts zu", sagt Rosa und klingt, als ob sie das immer noch nicht glauben kann. Trotz aller Vorurteile gewann sie die Wahl. "Nach meinem Highschool-Abschluss werde ich Politik studieren", erzählt sie voller Leidenschaft. Die Zeichen der Zeit stehen gut. Denn die Partei FMLN, für die Rosa kandidiert und die vor wenigen Monaten die 20-jährige Herrschaft der rechtsextremen Partei ARENA beendete, will sich besonders stark für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen, das heißt auch: für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und so lautet Rosas wichtigstes Anliegen: "Die Menschen sollen endlich begreifen, dass Frauen genauso stark sind wie Männer."

