21.08.2009

Nepal

Mädchen als Haussklavinnen

Mädchen und Frauen sind oft benachteiligt – zum Beispiel in Nepal. Dort gibt es die Tradition der "Kamalari", eine Art moderne Sklaverei. Armin Jelenik von den "Nürnberger Nachrichten" besuchte die Volksgruppe der Tharu und informierte sich über Plan-Projekte gegen diese Leibeigenschaft.

Das neue Leben fängt erbärmlich an: 25 Mädchen sitzen in ihren abgewetzten blauen Schuluniformen im Schneidersitz auf Bastmatten. An den nackten Betonwänden der Schule von Ghadawa hängen ein paar Schautafeln mit dem Alphabet, Zeichnungen von Tieren und Früchten. Sechs Jahre ist das jüngste Mädchen, 19 das älteste, gemeinsam wollen sie sich die Bildungschancen zurückholen, die ihnen in den vergangenen Jahren geraubt wurden.

 

Doch an Lernen ist gerade nicht zu denken: Ein kleiner Junge, den eines der Mädchen mit in die Schule nehmen muss, weil daheim niemand auf ihren Bruder aufpasst, steht mit laufender Nase, halb nackt und laut heulend vor der Klasse und ruft nach seiner Schwester. Konzentrierter Unterricht sieht anders aus, und dennoch sind die Mädchen glücklich, endlich das machen zu dürfen, was man mit sechs, sieben oder elf Jahren eben machen sollte: Lernen – und nicht von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends schuften.

 

Obwohl Kinderarbeit bis zum Alter von 14 Jahren auch in Nepal verboten ist, ist die Ausbeutung vor allem von Mädchen an der Tagesordnung. Hauptsächlich im Südwesten des Landes, wo der majestätische Himalaya weit weg und die indische Grenze nahe ist, werden Mädchen ab sechs Jahren von ihren Eltern regelmäßig an Großgrundbesitzer oder reiche Bürger der Hauptstadt Kathmandu als Haussklaven verkauft. Die sogenannten "Kamalari-Mädchen" – was sich sehr treffend mit "Frau, die hart arbeitet" übersetzen lässt – sind vor allem Tharus, einer der ärmsten Kasten Nepals. Das Kinderhilfswerk Plan, das gegen diese Praxis kämpft, schätzt, dass mehrere Tausend Tharu-Mädchen ohne Recht auf Bildung und Lohn versklavt wurden.

 

Putzen und kochen bis in die Nacht
So wie Urmila Choudhary. "Ich war sechs Jahre alt und wusste noch gar nicht, was arbeiten bedeutet", erinnert sich die heute 19-Jährige an den Tag, als sie an eine reiche Frau in Kathmandu verkauft wurde. Lange dauerte es nicht, und Urmila kannte die Bedeutung des Wortes nur zu gut: Aufstehen um vier Uhr früh, kochen, waschen, putzen bis spät in die Nacht. Dazu Schläge, als Essen das, was die Hunde übrig ließen, ein Laken auf dem Boden als Bett.

 

"Wir haben dich als Dienerin gekauft, nicht als Schülerin", bekam die junge Nepalesin zu hören, als sie fragte, ob sie nicht zur Schule gehen dürfe. Und als sie nachts versuchte, sich mit weggeworfenen Zeitungen selber das Lesen beizubringen, drehte ihre "Arbeitgeberin" das Licht ab. Urmila werde schließlich nicht bezahlt, um Strom zu verschwenden.

 

Zwölf Jahre von zu Hause weg
Tatsächlich bekommen die Eltern der Mädchen Geld: Manchmal sind es umgerechnet 30 oder 40 Euro, meistens nur 10 oder 20 Euro – pro Jahr, was selbst im bitterarmen Nepal weniger als ein Hungerlohn ist. Doch für die meisten Tharus ist das die größte Summe, die sie je in der Hand hatten.

 

Insgesamt zwölf Jahre, in denen sie nur vier Mal ihre Eltern besuchen durfte, harrte Urmila unter unmenschlichen Verhältnissen bei zwei "Lehensherrinnen" in Kathmandu aus, bevor sie fliehen konnte. "Alle weinten, als ich plötzlich wieder zu Hause war", erinnert sich Urmila an ihre Rückkehr. Doch über die Rolle ihrer Eltern – die früher selber Leibeigene waren und sie aus Not heraus verkauften – kann sie noch immer nicht sprechen. "Dann fange ich an zu weinen", sagt sie schwach. Nur ihre knetenden Finger, die gedankenverloren eine orangene Blüte zerrupfen, verraten, welche Kämpfe sich im Innern der jungen Frau abspielen.

 

Plan eröffnet neue Perspektiven
Trotzdem hat sich Urmila nicht von Armut und Sklaverei zerbrechen lassen. Entschlossen blicken ihre schwarzen Augen in die Zukunft, stolz trägt sie die klimpernden Silberreifen ihrer Großmutter an Handgelenken und Oberarmen und die farbenfrohe Tracht der Tharu. Urmila weiß, dass ihre Aufgabe der Kampf ist – gegen das Kamalari-System und für eine bessere Zukunft ihres Volkes.

 

Mit 18 Jahren, nach ihrer Flucht, hat sie angefangen, die Schulbank zu drücken. Mit Hilfe von Plan hat sie ein kleines Fotostudio aufgebaut und ist Präsidentin des Komitees der Ex-Kamalari-Mädchen geworden. 1.800 Mädchen wurden laut Plan inzwischen allein im südwestlichen Distrikt Dang befreit, die Hilfsorganisation sorgt dafür, dass die früheren Arbeitssklavinnen die Schule nachholen und eine Existenz gründen können. Ihre Familien bekommen Hilfe, um von ihren Feldern leben zu können, in den Dörfern werden Komitees gegründet, die verhindern sollen, dass weiter Mädchen verkauft werden.

 

Mutige Klage
Und Urmila macht Politik: An der Spitze von 600 Ex-Kamalari-Mädchen ist die charismatische Tharu-Frau in die Hauptstadt Kathmandu gereist, vor dem Regierungssitz haben sie demonstriert, mit Ministern und Abgeordneten über die Problematik gesprochen. Und vielleicht wird Urmila demnächst sogar ihre frühere "Herrin", eine einflussreiche Politikerin, verklagen. Das arme Mädchen aus der niedrigen Kaste prozessiert gegen das mächtige nepalesische Establishment – das wäre im standesbewussten Himalajastaat eine kleine Revolution.

 

Für Plan-Projekte wie diese können Sie über den Mädchen-Fonds spenden.

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