Bangladesch
Kinder stark werden lassen
Seit 2000 bezieht Plan Bangladesch Kinder konsequent in alle Projekte ein, war Vorreiter für die kindorientierte Gemeindeentwicklung. Im Interview erläutert Haider Yaqub, Leiter der Programmarbeit, warum das so wichtig ist.Plan: Eine der Grundsätze von Plans Arbeit ist es, Kinder an allen Prozessen der Programmarbeit zu beteiligen. Warum ist das so wichtig?
Haider Yaqub: Wir wollen Mädchen und Jungen ermutigen, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich für ihre Belange einzusetzen. Das mag für Europäer banal klingen. Dort ist es selbstverständlich, zu diskutieren und seine Meinung zu äußern. In Bangladesch bewirken wir damit jedoch eine stille Revolution.
Plan: Wie bekommt Plan die Kinder dazu, dass sie ihre Meinung äußern?
Haider Yaqub: Indem wir sie über ihre unmittelbare Umgebung reden lassen. Wir fragen sie, wie viele Menschen in ihrer Nachbarschft leben und bitten sie, die Namen auf Karten zu schreiben. Sind alle erfasst, geht es darum, dass Kinder über Merkmale für Reich- oder Armsein diskutieren: Herr Rahman hat ein großes Auto, seine Söhne arbeiten in Saudi Arabien, seine Tochter studiert in Dhaka – also ist er reich. Herr Masud ist weniger vermögend, besitzt aber ein Stück Land. So geht es immer weiter runter, bis die Kinder auch die unterschiedlichen Stufen der Armut in ihrer Nachbarschaft identifiziert haben. Und sie sind mit unglaublich viel Begeisterung und Ernsthaftigkeit dabei.
Plan: Werden Kinder auch konkret an Plan-Projekten beteiligt?
Haider Yaqub: Natürlich, beispielsweise bitten wir sie, die Probleme des Dorfes zu benennen. Dazu lassen wir die Kinder die Augen schließen und sie im Geiste durch die Nachbarschaft gehen. Was sehen sie dort? Da gibt es eine Wasserpumpe, die kaputt ist. Die Lehrer der Schule kommen manchmal einfach nicht zum Unterricht. Es liegt viel Müll rum. Nun erstellen wir eine Prioritätenliste, legen Ziele fest und schauen, welche Mittel es vor Ort gibt und wer sich um was kümmern kann. Dazu werden Komitees gegründet. Wollen Nachbarn gemeimsam sanitäre Probleme anzugehen, identifizieren Kinder und Erwachsene zunächst alle Plätze, an denen sich Fäkalien befinden und markieren sie mit Fähnchen. Plan-Mitarbeiter klären wir auf, wie die Fäkalien zurück in die Nahrungskette gehen, dass das Regenwasser sie wieder ins Grundwasser spült, von wo aus sie über die Handpumpe wieder ins Trinkwasser gelangen. Manche sagen dann: "Es sieht aber gar nicht gefährlich aus. Wir glauben nicht, dass das was Schlimmes ist." Mitarbeiter reißen sich dann ein Haar aus, halten es in die Fäkalien und anschließend in ein Glas Wasser, das sie den Skeptikern zum Trinken anbieten. Sind alle überzeugt, bekommt das Dorf Optionen zum Bau unterschiedlicher Latrinen. Wir bilden auch Komitees zur Einhaltung der Gemeindeentwicklungsziele, denen immer auch Kinder angehören. Sie achten beispielsweise bei einem Toilettenprojekt darauf, dass Menschen nicht mehr im Freien ihr Geschäft verrichten. Wenn es doch jemand tut, blasen die Kinder in eine Trillerpfeife.
Plan: Gehen solche Projekte manchmal auch schief? Gibt es Missverständnisse?
Haider Yaqub: Ja, in einem Hindu-Dorf, in dem die Menschen ihre Notdurft traditionell in einem Fluss verrichteten, wurden in Folge einer solchen Entscheidung der Gemeinde Toiletten gebaut. Das Problem war, dass sie hinterher keiner benutzte. Sie waren den Menschen zu nahe an den Wohnungen und Feldern gebaut. Daraufhin haben Mitglieder der gleichen Hindu-Gruppe, die in einer anderen Gemeinde lebten, die Menschen überzeugt, dass sie die Toiletten doch weiter abseits errichten könnten. Und damit war das Problem gelöst. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass alle hinter den Projekten stehen. Nur dann wird auch Verantwortung dafür übernommen.
Plan: Wie reagieren Erwachsene auf die Beteiligung der Kinder?
Haider Yaqub: Erwachsenen sind immer wieder verblüfft, wie exakt Kinder die Gemeindemitglieder einordnen können, wie genau sie erkennen, welche Dinge in der Nachbarschaft verbessert werden müssen. Kinder sind objektiv, sagen immer die Wahrheit, kalkulieren nicht, wie Erwachsene das manchmal tun.
Plan: Haben Kinder in Bangladesch weitere Möglichkeiten und Räume, um über ihre eigenen Belange zu reden?
Haider Yaqub: Wir haben in unseren Programmgebieten sehr viele Kinderclubs gegründet. Aus diesen wählen Mädchen und Jungen Vertreter in Kinderparlamente - bis hin zum nationalen Kinderparlament, das zweimal im Jahr tagt und in dem Jungen und Mädchen des ganzen Landes vertreten sind. Kinder sind sehr gute Demokraten und halten transparente Wahlen ab. Es ist so wichtig, dass sie lernen, sich für ihre Belange einzusetzen. Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen. Unser wichtigstes Ziel ist es, sie stark werden zu lassen.
Plan: Welche ist die größte Herausforderung für Plan, wenn es darum geht, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten?
Haider Yaqub: Wir mussten lernen, konsequent daran zu glauben, dass die Gemeindemitglieder ihre Probleme eigenständig lösen können. Spezialisten für Entwicklungszusammenarbeit sind es gewohnt, schnell und lösungsorientiert an Themen heranzugehen. Aber es geht im ersten Schritt gar nicht um das Ergebnis. Der Prozess ist der Weg und dazu bedarf es viel Geduld. Unsere Aufgabe ist es nicht, Probleme zu lösen, dazu sind wir auch viel zu wenige Mitarbeiter. Wir müssen die Menschen dazu befähigen, dass sie ihre Probleme eigenständig lösen. Wir sind nur "Handlanger" in diesem Prozess. Die eigentliche Arbeit liegt dann bei der Gemeinde.
Lesen Sie mehr über Plans Grundsatz, Kinder an Projekten der Entwicklungszusammenarbeit konsequent zu beteiligen.




