Nepal
In weiter Ferne – so nah
Vor allem mit Patenschaften finanziert Plan nachhaltige Selbsthilfeprojekte. HÖRZU-Textchefin Annette Waldmann besuchte ihr Patenkind auf dem Dach der Welt - und brachte einen eindrücklichen Bericht mit.Was für eine Aussicht: steile Hänge, die sich in den Stufen der Terrassenfelder ins Tal stürzen. Gigantische Drachenbäume, deren knorrige Arme über Abgründe ragen. "Tolles Bauland", ruft ein Mitreisender mir noch nach, als ich aus dem Jeep steige - mit jener westlichen Unbekümmertheit, mit der wir unsere Sicht der Dinge über alles Fremde stülpen. Nur bauen will hier eigentlich keiner. Hier - das sind die Berge südlich von Kathmandu. Eine arme Region in einem der ärmsten Länder der Erde. Die Landschaft vor mir ist atemberaubend - die Hütte hinter mir ärmlich, gebaut aus Holz, rotem Lehm und den paar Steinen, die man im Umkreis finden konnte. Mit einem Dach aus Maisstroh, dem man keinen Tag Monsunregen zutraut. Was mache ich hier?
Ein Name auf einem Formular
Ich will Radhika besuchen, mein Patenkind. Lange war sie nur ein Name auf einem Formular, eine Summe auf einer Bankanweisung. Nun möchte ich endlich wissen, wo sie lebt, wie sie lebt. Auf dem langen Weg zu ihr wechseln die Gefühle wie die Zeitzonen, die ich in 13 Stunden Flug durchquere: Aufregung, Freude, Nervosität vor diesem Treffen, das auch fremd und befangen sein kann. Zweifel. Wäre es nicht sinnvoller, daheim zu bleiben und die Reisekosten zu spenden? Zu spät: Nun stehe ich hier. Und Radhika steht neben mir - und lacht. Vielleicht macht diese Reise doch Sinn. Für uns beide.
Blumenkette und Aschezeichen
Radhika freut sich, dass sie Besuch hat, endlich mal im Mittelpunkt steht, Geschenke bekommt. Sie kann es kaum erwarten, bis die Begrüßungszeremonie vorbei ist, ihre Mutter die Blütenkette bringt, die man Gästen nach hinduistischem Brauch umhängt, ihr Vater mir die Tika auf die Stirn tupft, ein Segenszeichen aus rotem Pigment. Kaum hocken wir auf Bastmatten vor der Hütte, reißt die Kleine die Päckchen auf und schwenkt begeistert das neue Federmäppchen, die Luftballons, das Springseil.
Keine Lust auf Gummibärchen
Bitte nicht zu viel mitbringen, hat ein Plan-Mitarbeiter vor der Reise geraten. Nur sinnvolle Dinge, Gruppenspiele, ein paar Süßigkeiten. Süßigkeiten? Ja doch! Süßes kriegen die Kinder hier selten. Also gut. Ich habe Gummibärchen dabei und Maoam. Radhika kaut skeptisch darauf herum. "Iss es nur, wenn du es magst", lasse ich ihr durch den Übersetzer sagen. Sie überlegt kurz – und spuckt mir alles vor die Füße. Mutiges Mädchen. In der einfachen Hütte wirkt mein pinkfarbenes Mäppchen wie ein Alien aus einem anderen Universum. Zwei Holzpritschen, eine nackte Glühbirne, eine Wäscheleine, die den Kleiderschrank ersetzt, eine Feuerstelle, drei Töpfe, sechs Blechteller. Mehr ist hier nicht – auf etwa zwölf Quadratmetern. So groß ist das Zimmer meiner vierjährigen Tochter – das viele für zu klein halten. Hier leben fünf Menschen: Rahdika mit Mutter, Vater, Schwester Batuli (12), Bruder Thakur (11).
Die Eltern gehören zur ärmsten Kaste der Unberührbaren. Über Plan haben die Eltern ein kleines Stück Land bekommen, eine Kuh, zwei Ziegen. Ich schäme mich nachträglich für jede Sekunde, die ich zögerte, die Patenschaft anzutreten. Für mich ist es wenig, für sie die Chance, eine Existenz aufzubauen, die Kinder zur Schule zu schicken. Dorthin müssen wir jetzt dringend los. Wir sind spät dran, und hier im Bergland führt der Schulweg mitunter durch Bäche und auf wackligen Hängebrücken über Schluchten. Radhika hüpft sicher wie eine kleine Gämse voraus. Nach 30 Minuten sind wir da. Kurz darauf ertönt schon die Glocke ...
Reis mit Linsensoße
Während der Lehrer drinnen bunte Buchstaben an die gekalkte Wand malt, um seinen Schülern das Abc nahezubringen, versuche ich draußen, Ungeziefer fernzuhalten. Moskitos, so hat eine Plan-Helferin gewarnt, seien hier nicht so schlimm, aber Blutegel eine Plage. Und: "Vorsicht beim Essen!" Nepal sei das einzige Land, in dem sie sich mal die Amöbenruhr geholt habe. Als wir aus der Schule zurückkommen, kocht Radhikas Mutter auf der winzigen Feuerstelle. Es gibt "Dal Bhat" – so wie jeden Tag: Reis mit Linsensauce. Unmöglich, diese Geste der Gastfreundschaft abzulehnen. Bevor ich mich verabschiede, sammle ich noch die Bonbonpapierchen auf. Sie wirken hier so deplatziert wie ich in meiner Hightech-Treckinghose. Zeit zu gehen.
Radhika wird ihren Weg gehen
"Komm wieder!", ruft Radhika mir nach und winkt lachend mit dem Mäppchen – was wohl so viel heißt wie: "Und bring wieder was mit!" Kluges Mädchen!
Sie mag arm sein - arm an Witz, Wärme und Mut ist sie nicht. Sie wird ihren Weg gehen. Und ich will in weiter Ferne so nah wie möglich bleiben und sie begleiten. Damit sie einmal mehr hat als diesen grandiosen Blick in ihr Tal: eine echte Perspektive.




