Indien
Im Land der Widersprüche
Die Gesellschaft des südasiatischen Landes ist gespalten zwischen einer bitter armen Bevölkerungsmehrheit und einer kleinen Oberschicht. Plans Hilfe für Kinder verbessert die Lage auf dem Subkontinent. Reiche Inder, zum Beispiel aus der Filmindustrie, unterstützen die Arbeit des Kinderhilfswerks, hat Christian Holzgreve für die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" recherchiert.Es ist nicht viel mehr als die Hoffnung, die Janni bleibt. Sie ist erst 17 Jahre alt. So jung, dass das Leben eigentlich ein Versprechen ist. So bunt, so märchenhaft und aufregend wie in den indischen Bollywood-Filmen könnte es werden. Und doch ist sie schon so alt, dass sie es fast aufgegeben hat, ihrem Traum hinterherzu- laufen. Denn Janni will Kosmetikerin werden. Aber sie hat keine Chance. Die Schule, die Kosmetikerinnen ausbildet, will sie nicht nehmen, weil, wie sie sagt, "ich aus dieser Gegend komme".
Sozialgefälle in der Megametropole
Janni lebt in Mangolpuri, einer Vorstadt im Nordwesten Neu-Delhis. Hier wurden in den siebziger Jahren arme Leute angesiedelt, Landflüchtlinge aus anderen Provinzen. Man gab ihnen ein Stück Land – und die Zugereisten bauten einfache Häuser. Jannis Eltern kamen, wie so viele Menschen, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Delhi.
Jetzt laufen Janni die Tränen über die Wangen. Und wie sie so dasitzt, trotzdem anmutig in ihrem blütenweißen Kleid in einem Gemeinschaftshaus in Mangolpuri, macht sie alles um sie herum vergessen: Die schwarzen Hausschweine, die draußen fliegenumschwärmt im stinkenden Plastikmüll wühlen. Die einfachen Räume, in denen der Putz blättert. Den armseligen Teppich, der den Boden nur unzureichend bedeckt.
Mag die Vorstadt auch sehr arm sein, Janni geht es hier besser als vielen anderen der 18 Millionen Einwohner Neu-Delhis. Denn eine indische Hilfsorganisation, die mit dem Kinderhilfswerk Plan zusammenarbeitet, bildet die Mädchen von Mangolpuri künstlerisch und handwerklich aus. Es gibt im Gemeinschaftshaus altertümliche Nähmaschinen, schöne Stoffe und frohe Muster. Und es gibt Träume, die die Mädchen teilen können – Designerin zu werden zum Beispiel oder Schauspielerin. 200 Mädchen sind in die Kurse aufgenommen worden – 250.000 Menschen leben allein in dieser Vorstadt. Wer wie Janni an so einem Kurs teilnimmt, wird ein bisschen stärker gemacht in einem Umfeld, in dem Drogen, Gewalt, mangelnde Bildung und schlechte Unterkünfte die Regel sind.
Eine Atommacht als Entwicklungsland
Es ist ein Land der Widersprüche, in dem Janni lebt. 1,2 Milliarden Menschen hat der Subkontinent heute. Mit Händen zu greifen ist die wirtschaftliche Bedeutung Indiens oder auch die wichtige Rolle beim globalen Klimaschutz – schon allein angesichts des abgasreichen, flutenden Verkehrs. Indien ist eine Atommacht, will den Weltraum erobern, ist Hightech-Standort, Indien ist für die EU ein strategischer Partner. Aber in Indien lebt nach Angaben der Weltbank auch ein Drittel der ärmsten Menschen dieser Welt. Die Hälfte der Menschen hat ein Einkommen von unter einem Dollar pro Tag. Unterernährung vor allem bei Kindern und Kinderarbeit sind weit verbreitet.
Indien gibt 15 Prozent seines Haushalts für Verteidigung aus, sechs Prozent für Gesundheit und drei Prozent für Bildung. Die Hälfte aller Schulen hat keine sanitären Anlagen, 15 Prozent haben nicht einmal Wasser. Fast 20 Prozent aller Kinder gehen nie zur Schule, vor allem bei den Mädchen ist die Zahl der Schulabbrecher hoch. Die Lehrer seien oft demotiviert, heißt es beim Kinderhilfswerk Plan, Gewalt und sexuelle Übergriffe gehören zum Schulalltag.
Die Anforderungen an den Staat sind so gewaltig, dass sie nicht zu bewältigen sind und Nichtregierungsorganisationen wie Plan den Staat unterstützen. "Indien hat drei Gesichter", sagt Mohammed Asif, Programmdirektor bei Plan in Neu-Delhi. Ein Prozent der Bevölkerung repräsentierten das reiche Indien; 19 Prozent zählten zum entwickelten Indien, zur Mittelklasse; und 80 Prozent der Menschen hätten weniger als zwei Dollar täglich zum Leben. Plan-Länderdirektor Roland Angerer verweist überdies auf das Nord-Süd-Gefälle in dem großen Land: "Wir konzentrieren unsere Arbeit jetzt mehr auf den Norden – und haben dafür Projekte im bessergestellten Süden beendet."
Inder helfen Indern
16 Millionen Dollar stellt das Hilfswerk in Indien aus internationalen Spenden jährlich für die Unterstützung von Kindern sowie die Förderung von Dorfgemeinschaften und Schulen bereit. Drei Millionen Dollar sind bereits Spenden, die aus Indien selbst kommen. Immer mehr Inder – und Unternehmen – sind offenbar bereit, etwas gegen die Not vieler Landsleute zu unternehmen.
Danny Boyle, Regisseur des 2009 mit acht Oscars ausgezeichneten Films "Slumdog Millionaire" und sein Team spendeten zum Beispiel mehr als 500.000 Euro an Plan. Das Geld fließt in die Förderung der ärmsten Kinder in den Slums von Bombay. Einer der Hauptdarsteller, jener Anil Kapoor, der im Film den Quizmaster spielt, spendete seine gesamte Gage für die Arbeit des Hilfswerks.
Janni und ihre Freundinnen aus Mangolpuri lassen die Nähmaschinen surren. Die Mädchen lachen. Vielleicht geht es ja doch aus wie im Märchen für Janni und ihre Kosmetikausbildung. Verlassen kann man sich nicht darauf. Aber hoffen dürfen die Mädchen von Mangolpuri. Auf ein besseres Leben jenseits aller Armut – wie es ihnen die indische Filmindustrie in ihren schönsten Streifen verspricht.




