21.11.2006

Bolivien

Gute Aussichten in Buena Vista

Die nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Kinder, ihrer Familien und Gemeinden in den Projektgebieten - das ist das Ziel von Plan. Veränderung beginnt in den Köpfen, nicht erst beim Bau von Brunnen und Schulen. Plan ist deshalb auf vielen Ebenen aktiv; die Wirkung dessen ist zum Beispiel in Bolivien zu sehen. Im Gebiet von Buena Vista verheißt schon der Name des Ortes eine bessere Zukunft: "Schöne Aussicht".

Regenwald, tropisches Klima und eine völlig unbekannte Tierwelt – so präsentierte sich das Gebiet um den bolivianischen Ort Buena Vista 1958 den ersten Siedlern. Bolivianer aus dem Hochland um die Hauptstadt La Paz wollten hier neuen Lebensraum suchen und Land urbar machen. Sie kamen im Zuge einer Agrarreform, die die Regierung während der Nationalen Revolution von 1952 beschlossen hatte. "Damals dauerte es eine Woche auf dem Rücken von Pferden, um zum nächst gelegenen Markt nach Santa Cruz zu gelangen," erinnert sich Tomás Cruz Vilaja, Bürgermeister der Gemeinde Huaytú.

 

Lange Zeit war der Ort mit seinen heute 1.200 Familien weitgehend sich selbst überlassen worden: keine Schulen, kein Wassersystem, keine lokale Administration. Auch von Jugendvertretern oder einem Kinderparlament war damals noch keine Rede. Die ferne Distriktverwaltung blieb trotz vieler Anfragen untätig. Seit 1998, als Plan die Region in sein Programm aufnahm, hat sich vieles getan. Als eine der ersten Maßnahmen erhielt Huaytú seine eigene Schule, inklusive Lehrmaterial. Im Jahr 2000 kam ein Schulgarten hinzu. "Am liebsten lerne ich dort, wie man Obst und Gemüse züchtet," sagt der achtjährige Tito.

 

Lehrreiche Schulgärten
Die praxisorientierten Projekte der Schulgärten beziehen Mädchen und Jungen gleichberechtigt ein. Sie lernen den Umgang mit Saatgut und können Techniken für die Aufzucht von Nutzpflanzen ausprobieren. Die Grundschüler bestimmen selbst, was angepflanzt werden soll. Jeder Jahrgang ist verantwortlich für die Pflege und Bewirtschaftung seiner Parzelle. Die praktische landwirtschaftliche Arbeit veranschaulicht den Kindern zudem biologisches und mathematisches Basiswissen, wie etwa die Theorie der Mengenlehre oder Prozentrechnung.
Auch die Lehrer profitieren von diesem Projekt. Sie wurden zusammen mit anderen von externen Fachkräften in Fragen des Managements, Recyclings, organischen Landbaus oder auch des ökologisch verträglichen Einsatzes von Düngemitteln geschult.

 

Eiscreme aus Karotten
Nach der Ernte findet regelmäßig ein Wettbewerb zwischen den teilnehmenden Familien der Dörfer statt. Prämiert werden die besten Erträge. Kinder und ihre Eltern können aber auch neue Agrarprodukte entwickeln und bei diesen Gelegenheiten vorstellen. Im letzten Jahr wurde zum Beispiel eine Eiscreme aus Karotten ausgezeichnet. Es sind Aktivitäten wie diese, die den Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit sichtbar machen. Die Familien identifizieren sich mit den Aktivitäten, eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Entwicklung. Gerade das Zusammenspiel von Lehre und Praxis stellt sich als ein gangbarer Weg heraus, die Spirale der Armut zu durchbrechen.

 

Wasserversorgung
Projekte wie das der Schulgärten können auch deshalb realisiert werden, weil die Wasserversorgung in den Gemeinden inzwischen funktioniert. Mit dem Aufbau eines Trinkwassersystems verbesserten sich überdies die hygienischen Verhältnisse: "Wir können so Essen zubereiten, von dem die Kinder nicht krank werden," erklärt Leonor Solís. Die 23-Jährige überwacht gemeinsam mit ihren Nachbarn den Betrieb des Leitungssystems. Viele solcher regionaler Infrastrukturmaßnahmen nehmen die Gemeindemitglieder selbst in die Hand. Auch den kleinen Laden auf dem Gelände der Schule von Huaytú betreiben sie in eigener Regie. Dort können Schülerinnen und Schüler zum Selbstkostenpreis Hefte und Bücher kaufen.

 

Kinderschutz
Ob Schulgärten oder andere Projekte, Jaya Sarkar, die Direktorin von Plan Bolivien, erklärt eine wesentliche Grundlage aller Maßnahmen: "Wir setzten uns für eine Kultur des Miteinanders ein. Dabei spielt auch die Verhinderung von Gewalt eine Rolle. Plan bietet Beratung und Kurse zur Konfliktlösung für Eltern und Kinder an, in der Schule wie auch zu Hause. Außerdem haben wir zusammen mit Kinderschutz-Einrichtungen Initiativen zur Beachtung der Kinderrechte gestartet."

 

Gemeinsames Engagement
Aktuell helfen die Dorfbewohner der Region beim Bau eines Mehrzweck-Sportplatzes im 20 Kilometer entfernten Ort Buena Vista. Unterstützung kommt dabei aus dem benachbarten Huaytú, vom Projektkomitee. Mitglied Bonifacio Estrada erklärt zu seinem Engagement: "Meine Gemeinde arbeitet aktiv an den Projekten mit. Dafür habe ich immer Zeit, denn mir ist es wichtig, den anderen Gemeinden unter die Arme zu greifen so wie sie mich unterstützen. Seit Plan hier ist, haben unsere Kinder auch Geburtsurkunden und die Dorfbewohner Ausweispapiere erhalten."

 

Geburtenregistrierung
Beides realisiert Plan im Rahmen des Projekts "Gemeinsam für Identität". In der ersten Phase wurden die Geburtsdaten der unter 18-Jährigen dokumentiert. "75 bis 80 Prozent der Bewohner wurden seit 2004 auf diese Weise erfasst. Bei den übrigen Personen konnte die Herkunft noch nicht zweifelsfrei festgestellt werden, und diese ist notwendig für die Ausstellung einer Geburtsurkunde," sagt Juan Quispe, Amtsträger der Meldebehörde von Huaytú. In der begonnenen zweiten Projektphase werden nun auch Ausweise vergeben. Viele Bewohner halten ein solches Dokument zum ersten Mal in ihren Händen.

 

Nachhaltiger Projektansatz
Grundlage für die gesamte Projektarbeit sind die Gemeindeentwicklungspläne. Sie erleichtern allen Beteiligten die langfristige Planung für die Verbesserung der Lebensbedingungen im Dorf. Schritt für Schritt werden die aufgeführten Punkte über mehrere Jahre realisiert. In Bolivien – wie in den übrigen Plan-Programmländern – werden diese Entwicklungspläne im Einvernehmen mit den Bewohnern und den örtlichen Behörden beschlossen. Alle Eingaben werden diskutiert und im Konsens entschieden. Das verbessert die Zusammenarbeit der Menschen und führt schließlich zu größerer Nachhaltigkeit.

 

Beteiligung der Mädchen und Jungen
Bei der Erarbeitung der Entwicklungspläne sind immer auch die Kinder beteiligt. "Sie wollen gehört werden und ihre Wünsche umgesetzt wissen, was wir wiederum in unseren jährlichen Budgetplanungen berücksichtigen," erklärt Maria Elena Reyes de Lora von Plan Bolivien. Mädchen und Jungen stehen zudem als Jugendvertreterinnen und -vertreter den Erwachsenen zur Seite. Die Acht- und Zwölfjährigen können ihre Bedürfnisse zur Sprache bringen und sind so in die Organisation der Projekte eingebunden.

 

Förderung der Eigeninitiative
Die Jugendvertreter werden jeweils an den Schulen in ihr Amt gewählt. In Buena Vista ist Eunice Cary Soliz Vizepräsidentin der Jugendkommission: "Früher dachten wir, dass nur Erwachsene unsere Probleme lösen können. Aber nun werden wir in alle Belange der Gemeinde einbezogen und suchen gemeinsam mit den Erwachsenen Lösungen," berichtet die heute 16-Jährige stolz. Und ihr Kollege Luis Miguel Vargas Vaca ergänzt: "Das ist eine großartige Erfahrung. Ich habe etwas über Führung gelernt und herausgefunden, was benötigt wird, um in den Gemeinden für eine Verbesserung der Lebensbedingungen zu sorgen." Nachdem in seiner Gemeinde La Arboleda bereits eine Schule und ein Trinkwassersystem eingerichtet wurden, stehen für den 16-jährigen Kassenwart des örtlichen Jugendkomitees nun eine Gesundheitsstation und Schulungsangebote ganz oben auf der Wunschliste.

 

Kinderparlament
Doch die Kinder und Jugendlichen setzen sich auch auf Landesebene für ihre Rechte und  Bedürfnisse ein. In Bolivien unterstützt Plan in Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen das Kinderparlament. Es tagt jährlich in der Hauptstadt La Paz und debattiert seine Themen. So gelangen auch Alltäglichkeiten aus der Gemeinde Huaytú auf die Tagesordnung. Zum Beispiel der Fall der Mädchen, die Bergarbeiter mit Essen versorgen und von diesen sexuell belästigt werden. Derartige Probleme macht das Kinderparlament öffentlich. Schließlich wollen die Mädchen und Jungen an diesen Verhältnissen etwas ändern. Sie identifizieren die Probleme und machen den Hilfsorganisationen und der Regierung Verbesserungsvorschläge.

 

Einsatz für die eigenen Rechte
Die jungen Abgeordneten kommen aus allen Landesteilen. Ausgewählt werden sie von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in den Heimatregionen. In Zukunft warten auf die Delegierten noch viele Herausforderungen: Sie sollen ihre Rolle stärken, indem sie ihre Rechte energischer bei den Regierungsorganen einfordern. Das soll durch eine Teilnahme an den Sitzungen der ministerialen Fachgremien gelingen oder durch die intensivere Organisation in lokalen Netzwerken, die wiederum mit den zuständigen Institutionen in den Gemeinden zusammenarbeiten.

 

Doch die Kinder und Jugendlichen in Buena Vista freuen sich natürlich auch, wenn sich die Gelegenheit für einen Ausflug ergibt. Der nahe gelegenen Amboró Nationalpark lockt mit seiner vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt. In dem Naturreservat dürfen keine Siedlungen angelegt oder Bodenschätze abgebaut werden. So erinnert die Landschaft noch ein wenig an die 1950er Jahre – an jene Zeit, als Buena Vista noch nicht erschlossen war.