Uganda
Die verschwiegene Krankheit
6,2 Prozent der Bevölkerung Ugandas sind HIV-positiv. Schon Babys stecken sich im Mutterleib an. Damit das nicht so bleibt, setzen Hilfsorganisationen wie Plan International früh mit ihrer Arbeit an. ELTERN Redakteurin Astrid Bischof hat sich das HIV/Aids-Projekt in Tororo angeschaut.Noch hat sie etwas Fett auf den Wangenknochen. Wenn das Fett nicht mehr da ist - in ein paar Monaten oder ein paar Jahren -, dann werden ihre Augen tiefer in den Höhlen liegen, um die sich dann die Haut runzelt wie bei einer alten Frau. "Slim" nennen die Männer, Frauen und Kinder des Ortes die Krankheit, die die 34-jährige Roselyn Apio in sich trägt. Slim wird Roselyn irgendwann töten. "Ich kämpfe um Zeit", sagt Roselyn. Zeit, um ihren Kindern alles zu erklären. Roselyn lebt im Distrikt Tororo in Uganda. In einem Land, in dem schätzungsweise 6,2 Prozent der Bevölkerung an derselben Krankheit leiden wie sie. An Aids.
Roselyn Apio sieht man noch nicht an, dass sie krank ist. Aber wenn sie spricht, dann klingt sie müde und desillusioniert. Schwach und dünn wird irgendwann jeder, der HIV in sich trägt. Mit Medikamenten dauert es länger, bis ein Kranker dünn, auf Englisch "slim", wird. Dann sehen plötzlich alle, was los ist. Dann beginnt das Gerede, und die beste Freundin hat irgendwann keine Zeit mehr, um zu Besuch zu kommen.
Die vierfache Mutter Roselyn Apio kennt eine Vielfalt von Ängsten: Mit der Schande und den Blicken wird sie leben können, glaubt sie. Aber: Wird ihre Mutter stark genug sein, für ihre Enkelkinder um das Haus und das Stück Land zu kämpfen, wenn sie selbst unter der Erde liegt?
Wenn sie sich schwach fühlt oder ihre Medikamente aufgebraucht sind, macht sich Roselyn mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter Cynthia auf den weiten Weg ins Gesundheitszentrum Mukuju. Die Sonne brennt dann auf die ungeteerten Straßen. Neben den Reifenspuren, die sich in die rote Erde gegraben haben, erstreckt sich kilometerlang flaches Land mit wenigen Büschen und Bäumen. Irgendwo in der Feme beginnen die grün bedeckten Berge. Nur wenige Autos fahren hier und wirbeln rote Wolken auf. Wer genug Geld hat, lässt sich von einem Fahrrad- oder Motorradtaxi nach Mukuju bringen. Roselyn Apio geht meistens zu Fuß.
Ein großes Problem: Der Weg zum Arzt
Sie erinnert sich gut an ihren ersten Weg ins Gesundheitszentrum: Sie kam, weil ihr Frauen im Dorf erzählt hatten, dass sie sich und das Kind in ihrem Bauch kostenlos untersuchen lassen und es später dort auch zur Welt bringen könnte. Sie wollte nicht auch noch ihre vierte Geburt auf dem gestampften Lehmboden ihrer dunklen Wellblechhütte allein durchstehen.
Als sie sich auf den Weg nach Mukuju machte - damals, vor mehr als zwei Jahren -, wusste sie nichts von der Krankheit, die sie in sich trug. "Ich war geschockt, als ich es erfahren habe, und habe zuerst an meine Kinder gedacht. Dann habe ich überlegt, wo ich mich angesteckt haben könnte, und bin auf meinen Mann gekommen, der ja noch eine zweite Frau hat." Den Beweis für ihre Vermutung, dass auch ihr Mann positiv ist, hat Roselyn Apio nicht. Denn: Er wollte und will sich nicht testen lassen. In einem Land, in dem ein Sohn sagt, er wolle alles besser machen als sein Vater, und damit nicht meint, dass er all seinen Kindern eine Ausbildung garantieren, sondern statt zwei Frauen mit zehn Kindern fünf Frauen mit 30 Kindern haben will, ist es schwer, die Männer zum Umdenken zu bewegen. Darum verfolgen die in Uganda tätigen Hilfsorganisationen einen ganzheitlichen Ansatz: Ausbildung für Mädchen statt früher Heirat und daraus resultierender Unselbstständigkeit.
Das ist ein Projekt, das Jahrzehnte laufen muss, bevor es Früchte trägt. Emanzipation und Gleichberechtigung wird es von heute auf morgen in Uganda nicht geben. Das Projekt, das Roselyn Apio aber schon heute ein möglichst langes Leben mit ihren Kindern sichert, ist ein kleiner Teil der Arbeit von Plan International. Im Jahr 2005 startete die Hilfsorganisation das sogenannte PMTCT-Projekt. PMTCT heißt prevention of mother-to-child transmission. Es geht darum, die Übertragung des Virus auf das ungeborene, neugeborene und gestillte Kind zu verhindern.
Alles beginnt mit einer schwangeren Frau, wie bei Roselyn Apio damals vor etwa zwei Jahren. Sie wird im Gesundheitszentrum auch auf HIV getestet. Eine gute Viertelstunde dauert das, und es kostet nichts. Während sie auf das Ergebnis wartet, wird sie über die Krankheit aufgeklärt, denn auch wer zum Testzeitpunkt negativ ist, kann irgendwann positiv sein.
Als feststeht, dass Roselyn Aids hat, bekommt sie von der 32. Schwangerschaftswoche an bis eine Woche nach der Geburt zweimal täglich eine Kombination aus retroviralen Medikamenten. Danach bekommt sie noch stärkere. Die Geburt ist die kritischste Phase: Das Risiko einer Übertragung von der Mutter auf ihr Kind liegt bei 70 Prozent. Innerhalb von 72 Stunden bekommt auch die neugeborene Cynthia Nevirapine, ein Medikament, das in Industrieländern nicht zugelassen ist, weil es oft zu starken Nebenwirkungen führt. Eine Woche lang gibt Roselyn Apio ihrer Tochter außerdem einen Sirup, der Zidovudin enthält, das am längsten und besten erforschte Aids-Medikament.
Ein Projekt, das das Schweigen brechen soll
Wie 97 Prozent der Frauen, die in Mukuju entbinden, entschließt sich Roselyn dazu, ihre Tochter zu stillen. "Wer nicht stillt, fällt im Dorf auf“, so begründet sie ihre Entscheidung. Die Ärzte unterstützen sie, weil die Premilch, die Cynthia sonst bekommen würde, ihr schaden könnte, wenn sie nicht mit sauberem Wasser zubereitet wird. Zu teuer wäre sie für die Familie auch. Als Cynthia sechs Wochen alt ist, testen die Ärzte sie auf HIV. Damit das Kind auch während der Stillphase gesund bleibt, bekommt es weiter Medikamente. Mit sechs Monaten folgt ein zweiter Test, mit 18 der dritte. Ergebnis der Abschlussuntersuchung: Cynthia ist gesund.
Der medizinische Teil des PMTCT-Projekts ist aber das geringste Problem. Die Spendengelder aus Deutschland fließen selbst in Zeiten der Finanzkrise, das Personal ist da, wenn auch nur ein Arzt auf 10 000 Menschen kommt und es nur acht Gesundheitszentren für das 240 Quadratkilometer große Uganda mit seinen 32 Millionen Einwohnern gibt. Bisher haben sich 38 Prozent der Bevölkerung des ostafrikanischen Landes testen lassen. Mehr als 70 Prozent wollen den Test, haben aber nicht einmal das Geld für die Busfahrt in die nächste größere Stadt. Die Hälfte der Bevölkerung lebt unter dem Existenzminimum, das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt bei 730 Euro jährlich.
Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Motorradtaxi zum Arzt? Alles ist ein Problem. Ein Paar Schuhe kostet schon acht, ein Fahrrad 60 und ein kleines Motorrad etwa 950 Euro. Eine Lösung für dieses Problem sehen noch nicht einmal die Hilfsorganisationen: Für eine flächendeckende Gesundheitsversorgung fehlen der Regierung Ugandas, die nur etwa zehn Prozent der Kosten für die HIV-Projekte trägt, und den Organisationen das Geld.
Das PMTCT-Projekt verhindert nicht nur die Übertragung der Viren von einer infizierten Mutter auf ihr Kind, es soll das Schweigen über die Krankheit brechen und die Gesellschaft Ugandas verändern: Infizierte werden über Ansteckungswege und Verlauf von HIV aufgeklärt, um aufpassen zu können.
Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich
HIV wird aber befördert durch ein viel grundsätzlicheres Problem: Jeder ist zunächst nur für sich selbst verantwortlich. Das, was man heute besitzt, ist morgen vielleicht schon zwischen den Fingern zerronnen, weil es sich ein anderer genommen oder man es falsch investiert hat. Die Gemeinschaft trägt den Einzelnen nicht, und in Familien herrscht oft wenig Zusammenhalt. Auch hier setzt PMTCT an. Wer erst einmal von seiner Infektion weiß, fällt meist in ein tiefes Loch, darum will das Projekt mit lebensverlängernden Maßnahmen helfen, positiv weiterzuleben. Dazu gehört es auch, die Zukunft der zurückbleibenden Kinder zu sichern.
Wut auf ihren Mann, der sie mit HlV angesteckt hat, empfindet Veronica Akoth nicht. Damit ändere man nichts, wie sie sagt. Vor zwei Jahren hat ihr Mann die heute 47-Jährige mit ihren sieben Kindern allein gelassen. Von seiner Krankheit hatte er nichts gesagt. „Nach seinem Tod habe ich begonnen, meine Kinder aufzuklären und fürs Leben stark zu machen." Schweigen wollte Veronica Akoth nicht: Für ihre sieben Kinder schreibt sie an sogenannten Memory books. Darin notiert sie ihre schönsten Erinnerungen mit dem jeweiligen Kind, die Herkunft der Familie, eine Liste von Verwandten und Bekannten, die helfen können. "Wenn ich schreibe, lerne ich, mich zu verabschieden", sagt sie. Auch mit ihren Nachbarn spricht Veronica Akoth über ihre Infektion und rät ihnen, sich testen zu lassen.
Ern Großteil der Bevölkerung sieht die Bedrohung durch Aids nicht, weil es zu lange dauert, bis Symptome sichtbar werden. Hat man Aids, lebt man noch monate- und vielleicht jahrelang scheinbar gut weiter. Wer einen Test macht und negativ ist, wähnt sich in Sicherheit. "Da hab ich nichts falsch gemacht", sagen sich vor allem Männer und leben und lieben weiter wie bisher.
Männer und Frauen - in Uganda gibt es noch immer eine traditionelle Hierarchie. Die Hilfsorganisationen arbeiten darum an der Chancengleichheit. "Wir unterstützen vor allem Mädchen, weil wir wissen, dass sie das, was sie von uns bekommen, mit der ganzen Familie und dem ganzen Dorf teilen", erklärt Marianne Raven, die Geschäftsführerin von Plan Deutschland. Will man Mädchen eine Ausbildung verschaffen, muss man nicht nur eine ganze Gemeinschaft dazu bringen, von Traditionen abzurücken, auch einfache Probleme sind zu bewältigen: Wenn Eltern erfahren, dass es auf der Secondary School nur Toiletten für Jungen gibt, werden sie ihre Tochter bestimmt nicht auf diese Schule schicken. Solche Details müssen bekannt werden, darum müssen Mitarbeiter mit der Dorfbevölkerung in Kontakt treten. Auf die Wunderheilung durch die Arbeit der Hilfsorganisationen hofft niemand. Aber die Hoffnung auf weitere Unterstützung beim Aufbau und der Erhaltung von Schulen, Brunnen und Gesundheitsmaßnahmen ist groß. Marianne Raven von Plan Deutschland: "Am liebsten hätten sie es, wenn wir ewig in einem Projekt blieben. Wir müssen die Leute aber auf die eigenen Füße stellen."
Die Plan-Mitarbeiterinnen reden von Frau zu Frau und geben dabei ein gutes Vorbild: Sie haben einen Beruf und können für sich und für ihre Familien sorgen. Und sie können - wie die Plan-Mitarbeiterin Beatrice Niyonshaba - moderne Ansichten entwickeln Und diese unter die Leute bringen: "Es gibt ein bestimmtes Level von Armut, da tun Frauen alles. Sie haben Angst ums Überleben, wenn sie es sich mit ihrem Mann verderben. Diese Frauen müssen Selbstbewusstsein bekommen, um Nein zu Sex ohne Kondom sagen zu können."
Eine dieser Frauen, die Nein sagt, ist Faith Iyamulemye. Sie lebt allerdings auch nicht in Armut. Seitdem sich ihr Mann Gerevase - ein Rechtsanwalt - bei einer Prostituierten HIV geholt hat, tut sie alles für und mit ihm, was eine Frau in Uganda tut. Sie sorgt mit ihn für die vier gemeinsamen Kinder, sie kocht und besorgt den Haushalt. Aus dem Ehebett musste er allerdings ausziehen. Weil Faith - anders als Roselyn Apio und Veronica Akoth - wütend auf ihren Mann ist.




