Uganda
Die Geschichte von Everlyn
Everlyn ist eine von zwei Millionen Aids-Waisen in Uganda. Warum sie trotzdem bald studieren kann, was ihr die Mutter mit auf den Weg gab, bevor sie starb, und welche Rolle Bestsellerautor Henning Mankell dabei spielt, darüber berichtet Maike Röttger, Redakteurin des Hamburger Abendblattes.Everlyn muss lachen, als sie unter dem Wellblechdach, auf das der plötzliche Regen prasselt, Schutz sucht. Der heftige Guss zieht einen grauen Schleier über die sattgrüne Landschaft von Tororo, einem Bezirk ganz im Osten von Uganda, über die kleinen Palmenwäldchen, die Mais- und die Ananasfelder. In Sekunden wird aus dem roten Sandboden klebriger Schlamm. So muss es am Tag ihrer Geburt im Februar 1990 gewesen sein. Deshalb erhielt Everlyn den Beinamen "Akoth", Regen. Daran muss sie jetzt denken. Und das macht ihr Freude.
"Akoth", so hat ihre Mutter sie immer gerufen. Jetzt heißt sie nur noch Everlyn. Nicht nur weil solch ein kindlicher Kosename zu einer jungen Frau von 18 Jahren nicht mehr recht passt, sondern auch weil ihre Mutter tot ist. Sie starb vor acht Jahren an Aids, angesteckt von ihrem Mann, der schon vorher gestorben war. Natürlich erinnert sich Everlyn noch an ihre Mutter Christine. Aber wie diese gelebt hatte, was sie dachte, wofür sie kämpfte und an was sie glaubte, das kann sie nur noch nachlesen. In einem Erinnerungsbuch, das die Mutter kurz vor ihrem Tod geschrieben hat.
Memory Books
Diese von Plan geförderten "Memory Books" helfen aidskranken Eltern, deren Tod absehbar ist, zuvor noch ihre Gedanken zu ordnen. So hat es auch Everlyns Mutter Christine getan und ihrer Tochter nicht nur ein kleines Heftchen mit Bildern und Texten hinterlassen, sondern damit auch einen Teil von sich. Es ist ein kostbares Erbe, und mindestens 115.000 Deutsche hatten schon daran teil. Denn so oft ist das Buch "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt" des schwedischen Bestsellerautors Henning Mankell in der gebundenen deutschsprachigen Ausgabe verkauft worden, in deren Anhang Christines Aufzeichnungen abgedruckt sind.
So hat Plan schon zweimal das Leben des ugandischen Mädchens Everlyn entscheidend geprägt: einmal durch das Erinnerungsbuch und noch einmal durch die Vermittlung einer Patin aus Hamburg, die das Kind drei Jahre lang unterstützte. So wurde sichergestellt, dass Everlyn zur Schule gehen konnte und die Krankheit behandelt wurde. Die "Brigitte"-Journalistin Claudia Münster hatte Everlyn bei einer Recherche 2003 in Uganda kennengelernt. Das Schicksal des Mädchens bewegte sie, sie wollte Verantwortung übernehmen, schickte Briefe, Fotos und kleine Geschenke. Und obwohl die Patenschaft 2006 auslief, halten die beiden noch heute Kontakt.
Everlyn stört es nicht, dass inzwischen so viele Deutsche die sehr persönlichen Aufzeichnungen ihrer Mutter mitgelesen haben. Sie selbst blättert immer wieder in dem Ringheft und verweilt mal in diesem, mal in jenem Kapitel. Das hilft ihr, auch wenn es "schmerzhaft" sei. "Ich vermisse meine Mutter sehr", sagt sie und streicht sich verlegen durch die dichten schwarzen Haare. "Ich war ja noch so klein." Oft nimmt Everlyn auch die deutsche Buchausgabe in die Hand, wenn sie in ihrem Internat in Kampala ist. Dann versucht sie die deutsche Schrift zu entziffern und bestimmte Stellen zu erkennen.
Orientierung fürs Leben
Die handschriftliche Originalausgabe kann sie nur lesen, wenn sie zu Besuch in ihrer Heimat Tororo ist. Der Großvater bewahrt sie dort auf. Seit zwei Jahren besucht Everlyn in der Hauptstadt Kampala ein weiterführendes Internat. Sie genießt damit in einem Land, das auf dem Bildungsindex der Uno auf Platz 145 rangiert, ein Privileg. Unter anderem das Honorar aus dem Buchabdruck macht es möglich; Everlyn dankt es mit besonders guten Leistungen.
Das Erinnerungsbuch hilft ihr, die Orientierung, die die Mutter ihr mitgeben wollte, zu behalten. Es ist mit großer Sorgfalt und Sorge um die Tochter geschrieben. Im Kapitel "Menschen, die dir wichtig sind", hat Christine ihrer Tochter hinterlassen: "Eric Andrew Okoth und Frau Perry Okoth, die sich trotz unserer Lage unermüdlich um uns gekümmert haben. Sie haben ihr Bestes getan, um uns all die Liebe zu geben, die wir brauchen, und haben uns so sehr ermutigt." Sie kümmern sich seit dem Tod von Christine um Everlyn und ihre Schwestern Doreen (17) und Victoria (20). Doreen geht ebenfalls noch zur Schule, Victoria ist seit einem Unfall, den sie als kleines Kind hatte, geistig behindert.
Hochschulbildung im Blick
Großvater Eric Andrew Okoth (70) lenkt seine Großfamilie mit fester Hand. Der ehemalige Lehrer und Bischof der Charismatic Episcopal Church hat elf Kinder und 14 Enkel. 15 Mitglieder der Familie leben immer noch in den zwei moderneren Häusern und den zwei Lehmhütten auf seinem kleinen Stück Land zwischen Bananen- und Orangenbäumen.
Everlyn blickt mit einer Mischung aus Respekt und Dankbarkeit auf ihre Großeltern. Sie besucht sie gern in Tororo, wie in diesen Tagen, wenn die Schule in Kampala geschlossen ist und sie auf ihre Abschlussnoten wartet, um dann zur Universität gehen zu können. Doch ihre Zukunft sieht sie ganz sicher nicht in ihrer Heimatregion. Mit dem knallgrünen T-Shirt, dem Jeansrock und den schulterlangen Rasterlocken demonstriert sie schon äußerlich, dass sie nicht hierhergehört, wo die Frauen noch Wasserkanister auf dem Kopf tragen.
Aus dem scheuen, stillen Mädchen von einst ist eine dieser jungen Frauen geworden, die ein anderes Leben führen wollen als ihre Mütter. Sie knien zwar noch immer vor Respektspersonen nieder, wie es der Brauch in Uganda will, aber sie haben ihren eigenen Kopf und wollen lernen, lernen und nochmals lernen. Sie wollen in einem Beruf Geld verdienen und nicht in Abhängigkeit eines Mannes mit den Kindern zu Hause sitzen.
In einem Land, in dem die meisten Männer mehrere Frauen und nicht selten 20 Kinder haben, in dem Mädchen mit 14 Jahren verkauft werden können, in dem häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung an der Tagesordnung sind - in einem solchen Land ist das eine kleine Revolution.
Kleine Revolution
Everlyn kennt viele dieser Gefahren, die das Leben in Uganda für sie bereithält. Selbst wenn sie während der Unterrichtszeit in Kampala ist, geht sie nicht aus. "Das ist viel zu gefährlich für mich", sagt sie, gewarnt durch das Buch ihrer Mutter. Die notierte für sie: "Nachdem Du meine eigene Geschichte in diesem Erinnerungsbuch gelesen hast, erwarte ich vor allem von Dir, dass du Dir der heutzutage weltweiten Gefahr von HIV-/Aids-Infektionen bewusst bist und Dich dagegen vorsiehst."
Am liebsten ist Everlyn in ihrem Internat. "Dort habe ich Zeit zum Lesen", sagt sie. Sie liebt englische Literatur, Shakespeare zum Beispiel. Dass selbst dort die meisten ihrer Mitschülerinnen schon verheiratet sind und Kinder haben, versteht sie nicht. Für sie ist es "zu früh, darüber nachzudenken." Ihre Mutter, davon ist Everlyn fest überzeugt, wäre stolz auf sie. Denn sie hält sich an Christines Mahnung: "Ich erwarte von Dir, dass Du vor allem fleißig lernst und dadurch eine gute Zukunft voller Selbstvertrauen erreichst."
Christine selbst hatte damals gegen den Willen ihres Mannes, an den sie verkauft worden war, ihr Lehrerstudium durchsetzen müssen. Everlyn weiß, dass sie es leichter hat als ihre Mutter in der Generation vor ihr. Sie will Anwältin werden, "um Menschen zu helfen", wie sie sagt. Oder, wenn das nicht klappt, eine Buchhalterin. Hauptsache etwas, was sie unabhängig macht.
Vielleicht ist das die Antwort, auf die Fragen, die Christine ihrer Tochter vorhersagte, als sie schrieb: "Früher oder später wirst Du nach dem Warum fragen. Was ist der Grund des Lebens, warum sind wir hier?"
Doch darüber grübelt Everlyn noch.
Lesen Sie mehr zum HIV/Aids Projekt von Plan in Uganda.




