18.12.2008

Ghana

Der Traum von der schwarzen Königin

Sie träumen von einer Karriere als Profi-Fußballerin, einem anderen Leben - und sie bekommen Anerkennung: Im Mädchenfußballprojekt von Plan in Ghana wollen die jungen Spielerinnen ran an den Ball. Sie wollen sogenannte "Black Queens" werden und so herauskommen aus der Armut. Eine Reportage von Autorin Nathalie Klüver.

Die Musik wird mit jedem Tor ein wenig lauter. Sie kommt aus zwei großen schwarzen Boxen, die am Spielfeldrand stehen. Der Boden unter den Plastikstühlen bebt, aber wer setzt sich schon bei so einem Spiel? Sie sind alle aufgestanden, die Mannschaften, die Trainer sowieso, die Eltern, die Kinder, die mit Wasser gefüllte Plastiktütchen verkaufen, sogar die coolen Jungs mit den Schirmmützen haben ihre Hände aus den Hosentaschen genommen.
Mehr als tausend Menschen stehen rund um den Rasenplatz in der ghanaischen Kleinstadt Asesewa, die Fäuste geballt, bereit zu jubeln oder entsetzt die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen. Es läuft das Elfmeterschießen - im Finale eines langen Turniers. Zehn Mädchenmannschaften sind gegeneinander angetreten. Es sind keine Profis, die hier über den ausgetretenen Rasen rennen, den die Jungs von der hiesigen Grundschule vor dem Spiel noch mit ihren Macheten zurechtgestutzt haben. Die Mädchen spielen erst seit einem Jahr, viele erst seit wenigen Monaten.


Fußball als Fest
Der entscheidende Elfmeter lässt alle Hände in die Luft fahren. Die einen vor Freude, die anderen vor Entsetzen. Während die einen aufs Spielfeld rennen, lassen sich die anderen auf die Sitze sinken, schütteln den Kopf, ziehen sich die Schuhe von den Füßen. Auf Schultern wird die erfolgreiche Torhüterin übers Spielfeld getragen, die Torschützenkönigin gleich hinterher. Der Trainer umarmt jeden, der ihm über den Weg läuft. Fußball ist ein Fest in Afrika. Eine Möglichkeit, die Armut zu vergessen, dem Alltag zu entfliehen.


Während auf dem Spielfeld die Siegermannschaft zu einem Knäuel aus gelben Trikots mutiert ist, rhythmisch in die Höhe springt und ein fröhliches "Hipp-hipp-hurray" anstimmt, trocknen die Tränen bei der unterlegenen Mannschaft. "Das nächste Mal gewinnen wir", sagt Paulina und wirft ihre Stutzen auf den Rasen. Die 16-Jährige ist vor allem wütend auf sich selbst, ihren Elfmeter hat die Torhüterin gehalten. War es einfach nur Pech, war er zu schwach geschossen? Sie weiß es nicht, nur, dass sie alles gegeben und es nicht gereicht hat. "Wir sind immerhin Zweite von zehn Mannschaften", versucht ihre Freundin und Mannschaftskollegin Mercy sie zu trösten. Elfmeterschießen sei immer reine Glückssache, sagt Mercy, was soll man machen, das Turnier ist vorbei, das nächste Mal müssten sie die Tore vorher schießen.


Vereine - Fehlanzeige

Paulina ärgert sich über die vergebenen Chancen. Sie ist ehrgeizig, denn sie hat ein großes Ziel: Sie möchte einmal Spielerin der Frauen-Nationalmannschaft werden, der "Black Queens" ("schwarze Königinnen"), wie man sie hier nennt.
Schon als kleines Mädchen hat sie Fußball gespielt, mit den Jungs im Dorf. Als sie vor einem halben Jahr gefragt wurde, ob sie beim Mädchenfußballprojekt von Plan mitmachen möchte, hat sie sofort ja gesagt. "Fußballspielerin zu werden war schon immer mein Traum." Doch in ihrer Heimat Apimsu, dem 200-Einwohner-Dorf in der Nähe des Voltasees, vier Stunden von der Hauptstadt Accra entfernt, gab es nie eine Fußballmannschaft, geschweige denn einen Verein, noch nicht einmal für Jungs.


Dreimal in der Woche trainieren Paulina und Mercy, nachmittags gleich nach der Schule, wo sie die Abschlussklasse besuchen. "Die Jungs gucken uns immer beim Training zu", erzählt Mercy. Ihnen scheinen die fußballspielenden Mädchen zu gefallen, hat Paulina festgestellt. "Sie lachen höchstens über unsere Aufwärmübungen - aber bei den Spielen stehen sie hinter uns."


Rasanter Imagewandel
Ein Talentscout aus Accra geht an den Mädchen vorbei. Er kommt zu jedem Spiel der Fußballmädchen hier in der östlichen Region Ghanas. Zwei Frauenligen gibt es in Ghana, insgesamt ganze 280 Fußballvereine. Tausend fußballspielende Frauen zählt das ghanaische Pendant zum DFB, die Ghana Football Association. Die 200 Mädchen, die hier über den Platz liefen, noch nicht mitgezählt. Noch vor ein paar Jahren galt Frauenfußball in Ghana als verpönt - es schickte sich nicht für Frauen. Doch seit die Schwarzen Königinnen bei den Weltmeisterschaften 2003 und 2007 dabei waren, wächst die Begeisterung, obwohl das Team beide Male in der Gruppenphase scheiterte.


Die Chance, in den nächsten zwei Jahren in einer der beiden Ligen zu spielen, steht gut für die Mädchen, sagt der Scout aus Accra. Man sei gerade händeringend dabei, nach gutem Nachwuchs zu suchen und früher gar nicht auf die Idee gekommen, auch in den ländlichen Gebieten danach zu schauen. "Ein bis zwei Mädchen pro Jahrgang haben reelle Chancen darauf, in die Nationalmannschaft zu kommen", sagt er.


Gute Ausbildung als Basis
Das ist es, was Paulina hören möchte. Für sie ist Fußball eine Möglichkeit, ihrem kleinen Dorf den Rücken zu kehren. "Ich sehe hier keine Zukunft für mich." Zukunft möchte sie es nicht nennen, ein Leben wie ihre Eltern zu führen. Die sind Bauern, ihre Mutter verkauft das Wenige, was von der Ernte ihres Vaters übrig bleibt. Das meiste benötigen sie selbst - 98 Prozent der Kleinbauern in Ghana leben von Subsistenzwirtschaft. Mit spätestens 18 Kinder bekommen, ein Leben lang auf dem Feld arbeiten, nie aus diesem Dorf herauskommen: "Das ist nicht das, was ich vom Leben erhoffe", sagt die 16-Jährige ernst.

Nach Accra möchte sie, in die Hauptstadt, dorthin, wo die Menschen Englisch sprechen statt verschiedener Stammessprachen. Wo es Strom gibt, fließendes Wasser, richtige Straßen - und ein großes Fußballstadion. Dort möchte sie auch die weiterführende Schule besuchen. Eine gute Ausbildung ist wichtig, sagt sie, auch wenn Profifußballerinnen in Ghana von ihrem Einkommen leben können. "Aber jede Fußballkarriere ist irgendwann vorbei. Darauf will ich vorbereitet sein." Kinder möchte sie auch haben - doch nicht vor dem 30. Geburtstag. Erst einmal will sie für sich selbst sorgen können. Der Vater der Kinder, soviel ist klar, wird auf keinen Fall ein Mann aus ihrem Heimatdorf sein: "Ich will einen Mann, der mich bei meiner Fußballkarriere unterstützt - der mich nicht nur als Hausfrau sieht."


Starthilfe für Mädchen
Paulina verabschiedet sich, sie will noch ein wenig trainieren. Mercy will nach Hause und packt ihre Sachen zusammen. Fußball macht Spaß, sagt sie, es ist ein tolles Gefühl, in einer Mannschaft zu spielen, zusammen zu feiern, sich gegenseitig zu trösten. "Ich habe mehr Selbstbewusstsein durch das Fußballspielen bekommen", sagt sie. Das ist auch das Ziel des Projektes, das Plan in Ghana ins Leben gerufen hat. "Wir bekommen mehr Anerkennung in unserem Dorf. Endlich stehen wir Mädchen im Mittelpunkt."


Aber ihr Ziel ist es nicht, Profi zu werden. Auf dem Weg durch den dunkelroten Sand zu ihr nach Hause erzählt sie von ihrem Traum, einmal Ärztin zu werden, denen zu helfen, die es am nötigsten haben. "Wir haben in Ghana viel zu wenig Ärzte", sagt sie. Von ihrem Dorf zur nächsten Krankenstation sind es eineinhalb Stunden Autofahrt über holprige Straßen. Doch in ihrem Dorf hat kaum jemand ein Auto, und so müssen selbst die Kranken den weiten Weg zu Fuß zurücklegen.


Es ist ein kleines Dorf mit 250 Einwohnern, in dem die Menschen in roten Lehm- und Holzhäusern wohnen, stolz darauf sind, dass endlich jeder Haushalt eine eigene Latrine hat und das Dorf einen eigenen Brunnen, aus dem sie das Wasser holen. Das Haus von Mercy liegt hinter einem kleinen Maisfeld, Ziegen dösen in der Sonne, ein paar Hühner laufen davon. Mercy lebt hier mit ihrem Vater, ihrer Großmutter und ihren Brüdern und Halbbrüdern. Ihre Mutter lebt nicht mehr, Mercy hat ihre Rolle eingenommen und verkauft die Dinge, die ihr Vater erntet, auf dem Markt.


Sie gehen ihren eigenen Weg

Ihr Vater begrüßt die Gäste, führt sie in den Schatten eines alten Mangobaumes. Die ganze Familie ist versammelt vor dem kleinen Haus und dem Ziegenstall aus rostigen Wellblechen. Er sei stolz auf seine älteste Tochter, sagt der Vater und drückt Mercys Schulter, einen Moment nur, dann steckt seine Hand wieder in der Hosentasche. Dass sie Fußball spielt, findet er großartig, besser als seine Söhne spiele sie, fügt er hinzu, seine Augen blitzen in Richtung der Söhne, die lässig an einem Baumstamm lehnen. "Wir kommen zu jedem Spiel, die ganze Familie, und feuern unsere Mercy an."


Während Mercy das 15 Quadratmeter große, fensterlose Zimmer zeigt, in dem die fünfköpfige Familie schläft, erzählt sie, dass sie ebenfalls nach Accra gehen möchte. "Ich möchte einmal mein eigenes Leben führen", sagt die 16-Jährige. Das sei auch etwas, das ihr das Fußballspielen gezeigt habe: Dass es mehr gibt als die kleine Welt ihres Dorfes. Dass es sich lohnt, seine Ziele zu verfolgen. "Ich habe durch den Fußball gelernt, dass man etwas erreichen kann, wenn man nur wirklich will." Und dass der Wille allein nicht reicht - ein Stück harte Arbeit gehört immer dazu.

 

Lesen Sie mehr zum Mädchenfußballprojekt von Plan.

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