Indien
Besuch im Niemandsland
Der Südasien-Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" – Hasnain Kazim – besuchte sein Patenkind Sohan. Im Anschluss an seinen Besuch im indisch-nepalesischen Grenzgebiet und nach Gesprächen mit dem Jungen protokollierte der engagierte Plan-Pate, wie Sohan den Tag erlebte.Staub wirbelt auf, als der weiße Geländewagen abrupt bremst. Ein Soldat mit geschultertem Gewehr steht am Wegesrand, immer noch hält er, Halt gebietend, seinen Arm in die Höhe, obwohl wir längst stehen. Ein zweiter Soldat bewegt sich langsam aus einer Strohhütte zu uns. Die beiden Männer blicken ins Wageninnere. Die Frau von Plan kurbelt das Fenster herunter.
"Wohin wollen Sie?", fragt einer der Soldaten.
"Nur ins Dorf, wir sind von Plan, das hier sind Paten eines Jungen von hier", sagt unsere Begleiterin und zeigt auf die weitgereisten Besucher. "Und das hier ist das Patenkind."
Die Soldaten mustern uns. "Und Sie wollen nicht nach Nepal?"
"Nein."
"Wirklich nicht?"
"Nein, ganz sicher nicht."
Der Soldat nickt kaum wahrnehmbar. Der Fahrer gibt Gas. Ich glaube, meine Pateneltern sind ein bisschen eingeschüchtert. Ich kenne diese Soldaten, mir macht das nichts aus.
Mein Name ist Sohan Lal, ich bin bald 14 Jahre alt. Wir sind auf dem Weg zu mir nach Hause – ich in einem weißen Geländewagen, da werden meine Familie und meine Freunde im Dorf staunen! Meine Pateneltern aus Deutschland sind zu Besuch, seit fünf Jahren schreiben wir uns regelmäßig, heute sehe ich sie zum ersten Mal in echt.
Sie sind in die Gurkha-Schule gekommen, um mich abzuholen. Zuerst waren sie beim Direktor. Sie saßen auf der Veranda und wir Schüler konnten ihnen vom Schulhof aus zuhören. Hunderte von uns drängten sich um sie und wollten mitbekommen, worüber sie sich unterhielten.
In meinem Dorf hat vielleicht jedes vierte Kind einen Paten, aus Amerika oder Europa oder Australien, aber noch nie war einer in unserem Dorf zu Besuch. Ich bin furchtbar stolz! Mohan, mein ältester Bruder, behauptet, ich würde seit drei Tagen von nichts anderem mehr reden. Ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt, heute Nacht konnte ich kaum schlafen. Meine Mutter hat extra meine weiße Schuluniform gewaschen. Zur Feier des Tages ziehe ich sie heute nicht mehr aus.
Sonst habe ich die Schuluniform nur in meiner Klasse an. Hierher führte der Direktor meine Pateneltern. Sie suchten die Reihen nach mir ab. Bisher hatten sie mich ja nur auf Fotos gesehen, aber sie erkannten mich trotzdem. Ich finde, sie selbst sehen genauso aus wie auf den Fotos. Mein Klassenlehrer rief mich nach vorne, um sie zu begrüßen. Ich glaube, sie fanden es ein bisschen merkwürdig, dass ich ihre Füße berührte, aber bei uns macht man das so, um Respekt zu zeigen. Alle Kinder starrten uns an, auch die aus den benachbarten Klassen hatten ihre Köpfe in unsere Richtung gedreht.
"Da ist schon unser Dorf", sage ich, als wir einige Hundert Meter nach dem
Kontrollpunkt die ersten Häuser sehen. Es sind Lehmhäuser, die besseren sind sogar aus Ziegelsteinen. "Und das da ist Niemandsland", sage ich und zeige durch das schmutzige Fenster des Geländewagens auf das Feld hinter den Häusern.
"Niemandsland?"
"Ja, und das nächste Dorf dort, das man sehen kann, das gehört schon zu Nepal."
Ich lache über ihre erstaunten Gesichter. Sie sagen, sie hätten in meinen Briefen gelesen, dass ich an der Grenze zu Nepal wohne, aber dass sie buchstäblich hinter unserem Haus verläuft, war ihnen nicht klar. "Doch, ab und zu spielen wir im Niemandsland oder besuchen das andere Dorf", sage ich. "Das darf man, dagegen hat niemand etwas." Probleme gibt es nur mit den Schmugglern, deswegen auch die Soldaten, die meine Pateneltern ein bisschen verwirrt haben. Die Leute sagen, dass dieses Gebiet im Bundesstaat Uttar Pradesh zu den zehn ärmsten Regionen Indiens zählt. Wir lieben dieses Land trotzdem. Unserem Dorf und meiner Familie geht es von Tag zu Tag ein bisschen besser.
Heute ist ein Festtag, meine Mutter und Mohans Frau haben ein Gemüsecurry gekocht und Fladenbrot gebacken, es schmeckt meinen Besuchern! Mir ist ein bisschen unangenehm, dass es hier so viele Fliegen gibt, sie setzen sich immer ins Gesicht oder aufs Essen, ich wedele ein bisschen mit den Händen, damit sie meine Pateneltern nicht stören. Es ist so aufregend, das ganze Dorf steht vor unserem Haus und guckt zu! Auch, als ich die Geschenke auspacke, die sie mitgebracht haben. Stifte und Papier, außerdem ein kleines Fotoalbum mit Bildern aus Deutschland. Und Süßigkeiten, die ich mit den Kindern im Dorf teilen soll.
Wir haben ebenfalls Geschenke für unsere Gäste: zwei selbst gemachte Körbe und Blumen. Und Süßigkeiten. Wir wollen ihnen außerdem zehn Kilogramm Reis aus eigener Ernte mitgeben, aber den schweren Sack, sagen sie, können sie nicht im Flugzeug mitnehmen. Schade.
Sie sprechen dann auf dem Platz vor unserem Haus mit Frauen aus dem Dorf, über Sachen, die ich nicht so richtig verstehe: Mikrokredite und so, Bildungsprojekte, medizinische Versorgung, um die sich Plan kümmert. Danach zeige ich ihnen im Haus das Foto von ihnen, das dort hängt, seitdem sie unsere Paten sind. Und ich hole das Bündel an Briefen und Fotos von ihnen hervor, im Laufe der Jahre ist es ein dickes Paket geworden, gut geschützt vor Feuchtigkeit in einer Plastikfolie. Die beiden sind, glaube ich, gerührt.
Als sie am späten Abend zurückfahren, weint meine Mutter. Sie hat die beiden zu meiner Hochzeit eingeladen, woraufhin die Frau von Plan sagt, dass das hoffentlich nicht so bald ist, denn ich bin ja noch ein Kind. Meine Pateneltern wollen aber gerne kommen – in ein paar Jahren, wenn es so weit ist, sagen sie zum Abschied. Dann verschwindet der weiße Geländewagen hinter einer großen Staubwolke.
Der Autor
Hasnain Kazim, geboren 1974 im niedersächsischen Oldenburg wuchs unter anderem auf im pakistanischen Karatschi. Kazim arbeitete für verschiedene Medien im In- und Ausland und ist seit 2009 Südasien-Korrespondent von "Spiegel Online" und dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Der Autor des Buchs "Grünkohl und Curry", das auch den Alltag in Indien thematisiert, lebt mit seiner Frau in Pakistan.




