13.04.2010

Benin

Besuch beim Patenkind in Afrika

Der Tag verging wie im Fluge für Lyndall von Dewitz, als sie ihr Patenkind, die zehnjährige Lea in Benin besuchte. Eine intensive Begegnung, die bei allen Beteiligten für große Freude sorgte. Die Strapazen der Reise in das touristisch gänzlich unerschlossene Benin nahm die Patin aus Oberasbach gerne auf sich.

Der große Tag ist da! Ich warte gespannt auf den Mitarbeiter von Plan, der mich um neun Uhr abholen soll. Wie wird das wohl sein, Lea persönlich kennen zu lernen, ihre Familie, das ganze Dorf - was werden sie alle von mir erwarten. Vor 15 Jahre habe ich drei  Wochen in einem Dorf in Nigeria verbracht, nicht so weit entfernt, eine ungefähre Vorstellung vom Dorfleben in Benin habe ich. Aber trotzdem, nervös bin ich schon!

 

Street-Life in Couffo
Ein Vier-Rad-Antrieb Toyota, das bekannte Plan-Logo. Mein Begleiter heißt Romeo, der Fahrer Bernhard. Nach drei Wochen Französisch in Mali fällt es mir schwer, Englisch zu reden. Wir fahren die Küste entlang nach Oiudah und dann nach Nordwesten. Lea wohnt in der Region Couffo, die an der Grenze zu Togo liegt. Überall vertraute Szenen: Kleine Märkte und Menschen am Straßenrand, die irgendwas verkaufen wollen - Benzin, Orangen, ein erlegte Gazelle - überall Gruppen von Kindern in einfachen Schuluniform, Frauen bei der Arbeit, schwere Last grazil auf dem Kopf tragend und ihr Babys auf dem Rücken, Grüppchen mit schwerem Stößel rhythmisch Mais oder Hirse stampfend, Männer bei der Reparatur von Uralt-Autos und Mofas oder einfach nur plaudernd und schlafend.

 

Mit Romeo ins Rathaus
Während der Fahrt erzählt mir Romeo von der Arbeit von Plan und beantwortet meine vielen Fragen. Unter anderem erfahre ich dass Leas Mutter mittlerweile geschieden ist und mit einem anderen Mann zusammenlebt, dem Vater ihres jüngsten Kindes. Wir kommen in einer Kleinstadt an, hier ist das Plan-Büro für Couffo. Alle heißen mich willkommen, nennen ihre Vornamen und erzählen, wofür sie zuständig sind. Dann fahren wir, zusammen mit Grace weiter zur nächsten Stadt, wo man im Rathaus auf uns wartet. Wir unterbrechen eine Sitzung von Frauen und Männern, die verantwortlich für die soziale Arbeit in den Gemeinden sind. Wieder große Vorstellungsrunde, dann geht es weiter zu einer Schule, die von Plan errichtet worden ist. Dort stören wir eine nette Lehrerin mitten im Mathematikunterricht – die vielleicht 12-13-Jährigen stört die Unterbrechung allerdings nicht!

 

Ohrenbetäubendes Willkommenlied
Die Strasse wird immer schlechter, immer enger, Teerstraße war schon lange nicht mehr, nur die rote Erde Afrikas. Ich wage gar nicht zu fragen, wie weit wir noch fahren müssen. Palmen, Papayas, Maniokpflanzen, Bananen. Nachdem die Straße unpassierbar erscheint, sind wir auf einmal da. Eine große Traube Kinder steht vor uns unter einem Baum. Alle winken wild, und als ich aussteige, ertönt ein Willkommenslied - ohrenbetäubend, tief berührend, wunderschön. Die Kinder haben kräftige Stimmen! Ob ich Lea überhaupt unter ihnen erkennen werde? Sie hat sich hinten versteckt – wird vorgeholt, sehr schüchtern, unwillig. Wie muss das erst für sie sein, heute? Mittelpunkt des Ganzen und dann ist diese komische weiße Frau "ihre" Patin…

 

Begeisterung und Rhythmus
Ich will nicht, dass sie mich sofort begrüßen "muss". Romeo nimmt Leas Hand, dann meine und nimmt die taktvolle Stellung als "Pufferzone" an. Kurz darauf lässt sich Lea auf mich ein, ist bereit, mir ihre Hand zu geben, sich mit mir fotografieren zu lassen, noch sehr zögernd, und dann führt sie mich zu ihrer Schule, mitten in einer großen Kinderschar. In der Schule stellt sich Leas Lehrerin vor und dann wird nochmals laut und herzlich gesungen. Unglaublich laut, aber wunderschön. Dann tanzen Lea und ein paar Freunde - auf einmal ist sie nicht mehr steif vor Angst, sondern zeigt die wunderbare Beweglichkeit und angeborene Tanzfreude afrikanischer Kinder. Ich will auch meinen Beitrag leisten und stelle mich vor der Klasse. Englisch verstehen die Kinder zwar nicht, aber die Handbewegungen zu meinen Kinderliedern machen sie mit Begeisterung mit.

 

Das Baby und die Brille
Die Schulhefte, Stifte, Kugelschreiber, Radiergummis, die ich in Cotonou erstanden habe,  werden dem Schulrektor übergeben - viel feierlicher, als sie es verdienen. Draußen wartet Leas Familie und ich lerne ihre Mutter, ihre Oma und die kleinere Geschwister Seraphin und Alide kennen und nehme die jüngste, Clarisse, auf dem Arm. Wie alle Babys wird sie sofort von meiner Brille angezogen. Jetzt fahren wir zu Leas Hütte - nicht weit, aber Zeit ist knapp -Lea sitzt auf meinem Knie und ist jetzt wie aufgetaut.

 

Geteiltes Mahl
Die Hütte ist neu - die alte wurde letztes Jahr von Überschwemmungen zerstört. Ein Bett, ein paar Stühle, wir setzten uns. Die Willkommenszeremonie hier: Wasser wird aus dem großen Wasservorratsbehälter geschöpft und dem Gast angeboten, einen Schluck ge- trunken und weitergereicht. Dann wird stolz auf die Wand hinter mir gezeigt - da hängen alle Bilder, die ich Lea je geschickt habe. Lea hat ein bisschen Französisch in der Schule gelernt, aber alles andere muss übersetzt werden. Von der Kochstelle draußen wird das Essen serviert: Reis, Huhn, pikante Soße - ich teile mir einen Teller mit Lea. Es schmeckt sehr gut. Es gibt auch ihr Standardessen, Maisbrei, das ich auch kosten möchte. 

 

Palmschnaps für den Gast
Danach dann der Nachtisch: Orangen – eine Art Urorange, grün und hart, mit Tausend Kernen, aber wunderbar süß und saftig. Nach dem guten Essen schaffe ich ein "guadoke" -"danke" auf Adja – was mit  viel Klatschen und Gelächter begrüßt wird. Ich habe kleine Geschenke mitgebracht, Halsketten aus Mali, Kalender mit Bildern von Deutschland und andere Sachen für die Kinder. Lea schenkt mir eine Sack voll Orangen. Jetzt heißt es, es sei ganz, ganz wichtig, dass wir mit den Geschenken auch zu Leas Vater gehen, damit er nicht eifersüchtig wird. Gesagt, getan. Lea und ihre Geschwister und die Großmutter kommen mit. Beim Vater wohnt scheinbar jetzt der älteste Sohn Edmond. Nach dem Schluck Willkommenswasser wird ein kleines Gläschen Palmschnaps herumgereicht. Der Vater scheint zufrieden, besonders freut er sich über die Sandalen, die eigentlich für Edmond gedacht waren.

 

Fotos von allen
Wir haben unsere Zeit überschritten. Ich komme gerade noch dazu, Leas Großvater zu besuchen. Er ist krank, konnte nicht zu mir kommen, wollte mich aber auch sehen. Dann geht alles sehr schnell – mir bleibt kaum Zeit mich richtig von allen zu verabschieden. Lea hatte schnell ihr neues T-Shirt angezogen. Wir eilen davon – ich hoffe ich habe beim Abschiednehmen niemanden vergessen. Wir halten noch an einer Plan-Schule, stellen aber fest, dass wir kaum noch Zeit haben. Der Lehrer ist traurig, da er noch über seine Probleme reden wollte, aber ich bin ungehorsam und gehe zu den wartenden Kindern, um auch sie zu  begrüßen und ein paar Fotos von ihnen machen zu können. Es ist schön mit einer Digital-kamera zu fotografieren, da man die Bilder sofort zeigen kann. Meine  Fotomodelle grinsen von einem Ohr zum anderen, als sie sich sehen. Der Lehrer will auch ein Foto von sich.

 

Eintrag ins "goldene Buch"
Schließlich geht es zurück zum Plan-Büro, wo wir uns von Grace verabschieden und ich in das "goldene Buch" schreibe. Dann die lange Fahrt nach Cotonou. Wir schaffen es nicht mehr ganz vor Einbruch der Dunkelheit, die Zeit ist zu knapp. Ich bin sehr froh, dass ich diese Reise gemacht habe. Zwar war es eine Strapaze, aber auch eine enorme Bereicherung, die ich hoffentlich irgendwie weitergeben kann und vielleicht ist so ein Besser-kennen-lern-Prozess genau so wichtig wie Geld. Ich kann mich jetzt besser in Leas Welt einfühlen und habe einen besseren Einblick in die Arbeit, die Plan leistet.

 

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