Besuch beim Patenkind: Leben am Stadtrand von Lima
Zwischen ihnen liegen Welten, doch schnell fanden sie einen Draht zueinander: Dr. Birgit Speckle aus Deutschland und ihr Patenkind aus Peru, die neunjährige Leidy. Die Volkskundlerin aus Würzburg berichtet von ihrem Besuch und der großen Armut, der sie am Stadtrand von Lima begegnete.Da steht sie vor mir, klein und schüchtern, aber lächelnd: Die neunjährige Leidy, mein Patenkind, die ich nur von Fotos kenne. Ihre Füße stecken in alten Plastikschlappen, sie trägt ausgewaschene, billige Stoffhosen, ein T-Shirt und - wie deutsche Mädchen - ein abwaschbares Tatoo auf dem Arm. Es dauert eine Weile, bis wir ins Gespräch kommen, obwohl einer der beiden Plan-Mitarbeiter mein Englisch in Spanische übersetzt. Doch bin ich, selbst nach drei Wochen Aufenthalt in Peru, erschrocken über die Armut des Elendsviertels an Limas Stadtrand, in dem Leidy lebt: Das eine ist, Bergdörfer und solche Slums von einem Reisebus aus zu sehen, das andere, mittendrin zu stehen und einen Familienbesuch zu machen.
Kaum Vegetation
Die Gemeinde, zu der Leidy und ihre Familie gehört, liegt in einem Armutsviertel, das sich inmitten trockener, sandiger und vegetationsfreier Hügel über viele Kilometer erstreckt. Die Ansiedlung ist ein Produkt der Landflucht in Peru, wer hierher kommt erhofft sich, in der Nähe der Stadt ein besseres Leben. Diese Hoffnung ist in den meisten Fällen vergeblich. In der Gemeinde gibt es zwar Strom, in den Hinterhöfen einiger Wellblechhütten auch Aborte, und die Kinder gehen zu Schule - doch Arbeit gibt es kaum.
Wellblechhütte am Stadtrand
Leidy wohnt, wie das hier häufig der Fall ist, abwechselnd bei verschiedenen Mitgliedern ihrer Familie: beim Onkel, bei der Tante, der Oma oder der Mutter. Ihr Vater lebt nicht mit der Familie. Es erfordert einiges Suchen, bis wir sie in der Hütte ihrer Mutter Soledad finden: der flache Kasten mit Wänden und Dach aus Wellblech und Sperrholz hat vielleicht zwanzig Quadratmeter Grundfläche und besteht aus zwei Räumen: einem dunklen Schlafzimmer mit zwei Betten, das sich Soledad, Leidy, ihr Bruder Jesús (10 Jahre), eine Katze und mindestens ein Huhn teilen - und einem Wohnraum. Sein Mobiliar besteht aus einem Tisch, drei Stühlen, einer Harfe und einem Fahrrad. An einer Wand steht ein wackliges Regal, sonst hängen überall bunte Plakate, die Soledad in bunter Tracht zeigen. Im Hinterhof gibt es ein Waschbecken, eine Toilette und, unter einem provisorischen Dach, einen Kühlschrank.
Stolz, lesen und schreiben zu können
Im Wohnraum sitzen wir beieinander: Soledad, ihre Kinder, ihre Schwester mit dem Baby, zwei Plan-Mitarbeiter und Maria, ein Volunteer von Plan. Sie lebt in der Gemeinde und ist dafür verantwortlich, dass die Patenkinder ihre Briefe bekommen und diese auch beantworten. Wir hocken auf dem festgestampften Boden auf wackeligen Stühlen, ich versuche, den Gestank nach Hühnermist zu ignorieren und es wird ein lustiges Gespräch, denn wir haben uns - über die Kontinente hinweg - viel zu erzählen: Leidy zeigt mir voller Stolz ihre Schulsachen und dass sie schreiben kann. Ihr Bruder Jesús macht Faxen und benimmt sich wie ein deutscher Junge in seinem Alter. Soledad erzählt, dass sie als Sängerin in einer Folklore-Band arbeitet und damit mehr schlecht als recht die Familie durchbringt. Stolz schenkt sie mir eine CD ihrer Band.
Viel Spaß miteinander
Ich probiere ihren Hut auf, den sie bei Auftritten trägt, und dann fragt mich die ganze Familie eine halbe Stunde lang aus: Wo ich wohne? Ob es wahr sei, dass es in Deutschland ganz viel Schnee gebe? Warum ich keine Kinder habe? (Soldedad ist 26 Jahre alt und hat bereits zwei Kinder.) Wer für mich sorgt, wenn ich nicht verheiratet bin? Aha, ich arbeite also den ganzen Tag und habe studiert? Für Soledad und ihre Kinder klingt alles, was ich erzähle genau so exotisch, wie ihre Welt für mich. Und dennoch passiert das Wunder, dass wir zusammen lachen und uns sehr sympathisch sind. Dann müssen Leidy und Jesús in die Schule und wir fahren sie im Jeep von Plan dorthin. Zum Abschied sagt mir Soledad: "Du hast ein schönes Leben" und ich gebe ihr Recht.
Toilettenhäuschen von Plan
Ich verabschiede mich von Leidy und Jesús in ihrer Schule. Anschließend besuchen die Plan-Mitarbeiter mit mir die Schulleiter dieser und einer anderen Schule. Sie berichten mir von den Problemen vor Ort mit Aids und mit der Gewalt sowie mit der Perspektivlosigkeit, die für die meisten Schüler herrscht. Ich erfahre aber auch von Projekten, an denen Plan beteiligt ist. Es gibt kein "abgeschottetes" Plan-Zentrum in der Gemeinde, sondern Plan klinkt sich in eine Vielzahl bestehender Projekte ein. Dazu gehören die Aufklärung über Aids, die Einrichtung einer Bibliothek und die Gestaltung von Ferienprogrammen für die Kinder. Stolz erläuterte man mir, dass über hundert Familien dank Plan Toilettenhäuschen in ihren Höfen haben. Doch Plan zeigt mir auch vorläufig gescheiterte Projekte: Eine fertig eingerichtete Krankenstation, die niemals in Betrieb genommen wurde, weil die Regierung als Partner des Projekts bis heute nicht in der Lage war, Fachpersonal in die Gemeinde zu bringen.
In guter Erinnerung
Mein Besuch bei Leidy liegt bald ein Jahr zurück. Sie malte mir seither zwei Bilder und schrieb einen langen Brief. Für mich brachte die Begegnung mit ihr und ihrer Familie die Erfahrung, dass es Sympathie und große Herzlichkeit geben kann zwischen Menschen, deren Welten nicht weiter auseinander liegen könnten.

