Teenager-Leben in der chinesischen Provinz

Ein Besuch in einem Land mit Gegensätzen, die kaum größer sein können: Zusammen mit seiner Frau suchte Nils Arndt aus Hamburg das Heimatdorf seines chinesischen Patenkindes auf. Lesen Sie seinen Bericht über die Fahrt in die Höhlenlandschaft des Löss-Plateaus und die Begegnung mit der 15-jährigen Koukou.

Etwa 37 Millionen Menschen leben in Shaanxi, einer der ärmsten Regionen Nordwestchinas. Das Monatseinkommen auf dem Land beträgt oftmals noch nicht einmal 30 Euro. Wir befinden uns in Yu Lin, einer aufstrebenden Industriestadt in der Provinz Shaanxi am Rande der Inneren Mongolei, inmitten der Löss-Hochebene, auch die "Gelbe Erde Chinas" genannt. Unser Ziel ist das kleine 600-Seelen-Dorf, in dem unser Patenkind Koukou lebt. Vor vier Jahren hatten wir die Patenschaft für sie übernommen. Wir sind sehr gespannt, sie nun persönlich kennen zu lernen.


Zuletzt hörten wir von Koukou, dass sie an einem entscheidenden Punkt in ihrem Leben angekommen sei, der so genannten "Schicksalsprüfung", wie die Aufnahmeprüfung zur Oberschule in China heißt. Nur etwa 60 Prozent der Teilnehmer meistern diese Hürde. Koukou möchte gerne Lehrerin werden, dafür braucht sie den Abschluss der Oberschule. Die letzte Nachricht von ihr klang beunruhigt: "Ehrlich gesagt, ich mache mir große Sorgen", schrieb sie uns, "ich mache mir Sorgen, Euch und meine Eltern zu enttäuschen. Werdet Ihr mich noch mögen, auch wenn ich durchfalle?"


Landflucht und boomende Städte
Gegen neun Uhr morgens werden wir von drei Mitarbeitern des lokalen Plan-Länderbüros vor unserem kleinen Hotel in Yu Lin abgeholt. Mit einem Jeep fahren wir durch die zerklüftete Landschaft. Es ist Herbst und die Zeit der Apfelernte. Aber Li Jing, die nette Mitarbeiterin von Plan, erklärt uns, dass wegen der Dürre, die bereits zwei Jahre andauere, die Äpfel nur von schlechter Qualität seien. Überraschend einsetzender Frost im April habe zudem die Aprikosenblüten zerstört. Die Region gilt in China als Hauptanbaugebiet für Aprikosen.


In ihren Briefen hatte Koukou von der schrecklichen Dürre berichtet, und dass der Wassermangel die Arbeit der vergangenen Monate überflüssig mache. Die Bauern wären verzweifelt, denn ihr Lebensunterhalt hänge voll und ganz vom Ertrag der Felder ab. Li Jing stammt aus Yu Lin und kennt die Schwierigkeiten der Bevölkerung. "Die Klimaprobleme und die neuen Jobs in der Stadt haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen die Provinz verlassen", sagt sie.


Die Stadt, das ist Yu Lin. Yu Lin boomt seit dem Bau der neuen 850 Kilometer langen Gas-Pipeline nach Peking. Neben ausgedehnten Gasfeldern gibt es in der Region umfangreiche Kohlevorkommen. Und so zieht der rapide steigende Energiebedarf Chinas zunehmend Experten aus ganz Nordchina an, schafft Arbeitsplätze und treibt die Menschen aus dem Umland in die City. Das Stadtbild verändert sich schnell. So schnell, dass unser kürzlich gekaufter Reiseführer schon wieder veraltet ist. Neue Straßen, Geschäfte, Hotels und Plätze sind entstanden, überall schießen Baustellen aus dem Boden. Der Urbanisierungsprozess ist in vollem Gange.


Hausaufgaben sogar in den Ferien
Koukou hat vier Geschwister. Sie alle haben dem Heimatdorf und der Landwirtschaft den Rücken gekehrt. Ackerbau ist hart und ohne Perspektive. Die Kinder wissen ein Lied davon zu singen, denn sie sind von früh auf daran gewöhnt, ihren Eltern täglich bei der Feldarbeit zu helfen. Im Gegensatz zu deutschen Schülern erhalten chinesische Kinder auch während der Schulferien Hausaufgaben. Für einige Schüler sind dies nicht die einzigen schulischen Aktivitäten. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder zum Nachhilfeunterricht, den Lehrer während der unterrichtsfreien Zeit anbieten. 

 

Die Erntezeit in Shaanxi ist zum großen Teil vorüber. Die Landschaft, durch die wir fahren, ist karg und öde, der Boden lehmig. Die terrassierten Felder sind von tiefen Gräben und Tälern durchzogen. Plötzlich biegt der Jeep von der befestigten Straße auf einen holprigen Sandweg ab. Ein Mann eilt uns winkend entgegen, und als er näher kommt, erkennen wir Koukous Vater. Er hält ein Handy in der Hand. Auch hier mitten in der Löss-Hochebene gibt es Mobilfunk.

 

Plumpsklo und DVD-Player
Nach einer herzlichen Begrüßung führt uns Koukous Vater den Hügel hinauf. Sein Haus mit der Lehmziegelfassade kennen wir bereits von Fotos, und so wissen wir, dass wir am Ziel sind. Eigentlich ist das Haus eine Höhle: Die Räume befinden sich im Innern eines Hanges.

 

Koukou ist noch nicht eingetroffen. Wir warten im Wohnzimmer, während uns die Mutter von Koukou grünen Tee und Obst serviert. Abgesehen von einem kleinen Kohleofen in der Mitte des Raums gibt es nur eine Art Bettcouch, einen Tisch und ein paar Schemel. Im angrenzenden Schlafzimmer steht ein "Kang", ein Ofen mit einer Schlaffläche für mehrere Personen. Ein DVD-Spieler und ein Fernseher gehören zu den wenigen elektronischen Geräten der Familie. Wie im Wohnzimmer hängen statt Lampen nur Glühbirnen von der Decke herab. Viel ist es nicht, das an moderne chinesische Wohnungen erinnert. Die Toilette befindet sich im Hof - ein typisch chinesisches Plumpsklo.


Berufswunsch Lehrerin 
Wenig später trifft Koukou ein. Ihr Bruder Yun hat sie mit dem Moped von der Schule abgeholt. Sie trägt ihre Schuluniform mit der dünnen Sportjacke und ist offensichtlich von der weiten Fahrt durchgefroren. Erfreut begrüßt sie uns und drängt uns, wieder in der Wohnstube Platz zu nehmen, wo der Ofen eine behagliche Wärme ausstrahlt. Koukou reibt sich die Hände. Es wird allmählich kalt im Norden Shaanxis.

 

Wir sind neugierig, wie es Koukou ergangen ist und fragen sie nach ihrer Aufnahmeprüfung. Sie lächelt verlegen und antwortet, dass ihre Punktzahl zu niedrig für die staatliche Oberschule gewesen sei, aber doch hoch genug, um von einer Privatschule in Lu Yin aufgenommen zu werden. Wegen des weiten Weges muss sie nun während der Woche in der Schule bleiben. Noch ist die neue Umgebung sehr ungewohnt. Sie erzählt uns, dass sie nun immer sehr früh aufstehe, da sie an dem obligatorisch militärischen Training teilnehme - noch vor dem Frühstück. Jetzt in der kalten Jahreszeit sei das besonders unangenehm. 

 

Die Kosten für Schuldgeld, Essen und Unterkunft würden sich pro Jahr auf etwa 6,500 Yuan (650 Euro) belaufen. Das macht ungefähr ein Jahreseinkommen aus. Koukous Familie kann sich das gerade noch leisten. Wie viele Chinesen nehmen sie die Entbehrungen auf sich, um ihrem Kind den Weg in eine bessere Zukunft zu ebnen. Im Leben vieler chinesischer Eltern ist ein Kind die wichtigste Investition.

 

Auszeit von der Schule
Koukou genießt die Zeit daheim. Es ist ein Donnerstag, und sie hat wegen unseres Besuchs frei bekommen. Sie überlegt, ob sie morgen wieder zur Schule nach Yu Lin zurückkehren oder erstmals ein langes Wochenende zu Hause verbringen soll. Auf den ersten Blick macht Koukou einen erwachsenen Eindruck. Die meiste Zeit über ist sie ernst und wirkt nachdenklich. Aber dann und wann bricht es doch aus ihr heraus, und man erkennt, dass sie noch ein Kind ist.

 

Nach einem leckeren Mittagessen - bestehend aus Griessuppe, gedämpften Süßkartoffeln und gekochtem Kürbis - werden die Geschenke ausgepackt. Für Koukou haben wir neben allerlei Süßigkeiten und Schulsachen auch einen Walkman mitgebracht. Auch wir bekommen etwas geschenkt. Koukou holt eine Mappe hervor und zeigt uns die Bilder, die sie für uns mit Buntstiften gemalt hat: Ein Porträt eines chinesischen Mädchens mit großen, melancholischen Augen, eine Fee mit ihrem kleinen Kind in den Armen und eine bunte Märchenlandschaft mit fröhlichen Kindern, die Luftballons in den Händen halten.

 

Große Disziplin auch bei den Kleinen
Die Zeit vergeht wie im Fluge. Bevor wir nach Yu Lin zurückkehren müssen, wollen wir noch einen Spaziergang durch das Dorf machen. Obwohl auf den Hügeln, die das Dorf umgeben, Mobilfunkmasten stehen und wir auf den Dächern Satellitenschüsseln erkennen, fehlt es vielfach an elementaren Voraussetzungen, die für die Stadtbevölkerung längst selbstverständlich sind. Koukou zeigt uns ihre ehemalige Grundschule. Es ist gerade Pause, und die Kinder auf dem Schulhof beäugen uns neugierig. Ein älterer Mann erscheint und begrüßt uns freundlich. Er ist Schuldirektor, Lehrer und Hausmeister in einer Person und unterrichtet etwa 20 Kinder.

 

Die beiden Klassenzimmer wirken karg. Vielfach ist die grünweiße Farbe abgeblättert. Es gibt einen kleinen Ofen, aber trotzdem man kann die Kälte förmlich spüren, die im Winter aus den Wänden kriecht. An den Seiten hängen ein paar Plakate mit konfuzianischen "Verhaltensregeln für Grundschüler", die das korrekte Benehmen gegenüber Erwachsenen definieren. Die kleinen Schüler, die uns gefolgt sind, haben die Ermahnungen bereits verinnerlicht: Artig sitzen sie an ihren Tischen. Wir verteilen die mitgebrachten Süßigkeiten. Die Kinder warten geduldig ab, bis sie an der Reihe sind, und rühren die Bonbons nicht an, bis der letzte Schüler sein kleines Häufchen vor sich liegen hat. Wir sind beeindruckt.

 

Melancholischer Teenager
Während wir unseren Weg durch die Höhlenlandschaft des Löss-Plateaus fortsetzen, erzählt Li Jing uns von den Projekten, die Plan in dieser Region realisiert. Neben der Hilfe für finanziell benachteiligte Schüler arbeite man vor allem daran, den Ausbau der Infrastruktur zu unterstützen, gesundheitsfördernde Maßnahmen durchzuführen und die Einkommenssituation der Dorfbewohner zu verbessern - zum Beispiel durch die Aufzucht von Ziegen. Auch Koukous Eltern haben von Plan eine Ziege bekommen, die jetzt im Hofe der Familie ihr neues Zuhause hat.


Koukou ist etwas still geworden. Ihr Blick ist plötzlich sorgenvoll, als wäre der Augenblick zu flüchtig, um ihm zu vertrauen. Die unbeschwerte Leichtigkeit der Teenager sucht man an ihr vergebens. Sie scheint die Welt mit der Melancholie einer Erwachsenen wahrzunehmen, die schon viel erlebt haben und die eher zweifeln als hoffen. Vielleicht aber ist es auch die chinesische Zurückhaltung, die Koukou davon abhält, wie in ihren Briefen etwas mehr aus sich heraus zu kommen.

 

Der Abschied fällt schwer
Nach etwa zwei Kilometern endet der sandige Feldweg an einer asphaltierten Straße. Koukou führt uns die Hauptstraße entlang zu dem Gemischtwarenladen ihrer Eltern, wo die anderen bereits auf uns warten. Während wir uns auf kleinen Hockern bei einer Flasche Limonade ausruhen, ziehen Bauern mit Ochsenkarren vorbei. Es geht geschäftig zu in diesem kleinen Ort. Man guckt uns neugierig an, nickt uns freundlich zu - und dann sind Mensch und Tier auch schon weiter gezogen.

 

Für uns wird es nun Zeit für den Rückweg. Es ist bereits später Nachmittag. Schweren Herzens verabschieden wir uns von Koukou und ihrer Familie. Bevor wir mit dem Jeep um die nächste Ecke biegen und die kleine Ortschaft hinter uns lassen, winken wir noch einmal zurück. Obwohl sie gerne noch zu Hause geblieben wäre, hat Koukou sich entschlossen, morgen wieder zur Schule zu gehen. Sie möchte ihre Eltern nicht enttäuschen.

 

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Ich freue mich, dass Plan eine Schule für mein Dorf baut. Ich will Lehrerin werden!

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