Unterricht in Wollmütze und Flip-Flops

Eiskalt war es in Nordvietnam, als Christina Weinreich aus Offenburg kurz nach dem Neujahrsfest ihr Patenkind Thi besuchte. Die Zehnjährige lebt mit ihrer Familie im Distrikt Soc Son, etwa 50 Kilometer nördlich von Hanoi.

Im Programmgebiet Soc Son,  in dem mein Patenkind lebt, werden wir von den Kollegen vor Ort mit grünem Tee, Reisschnaps und Süßigkeiten willkommen geheißen. Es ist ein ganz besonderer Tag – nicht nur für mich – sondern auch für die vietnamesischen Kollegen. Nur einige Tage zuvor wurde das vietnamesische Neujahrsfest (TET) gefeiert. Im Rahmen der Ansprache des vietnamesischen Kollegen erfahre ich, dass nach vietnamesischem Glauben der erste Gast, der im neuen Jahr ein Haus betritt, den Bewohnern Glück bringt. Und wie es das Schicksal will, bin ich diejenige. Dennoch gestaltet sich die Begrüßungsansprache eher kurz, was möglicherweise an den eisigen Temperaturen liegt. Seit einigen Tagen liegt sie nur knapp über null Grad, für Nordvietnam ist das ungewöhnlich kalt. Da die Heizungen nicht funktionieren, ist es in den Räumen unerträglich kalt – das heißt kälter als draußen.

 

Nationalhymne als Dankeschön

 

Nach dem obligatorischen Gruppenfoto und vielen „Chuc mung nam moi“-Wünschen (übersetzt: Frohes Neues Jahr !) zeigt man mir die Schule. Ich darf sogar eine Schulklasse besuchen. Die Zehnjährigen haben gerade Mathematik. Aber die Lehrerin unterbricht den Unterricht und erlaubt uns allen, uns gegenseitig Fragen zu stellen. Im Anschluss verteile ich einige Luftballons und die Kleinen singen als Dankeschön stolz die Nationalhymne. Das Aufstellen zum Gruppenfoto macht allen sichtlich Spaß, wenngleich auch einige ganz Schüchterne dabei sind, die sich kaum auf das Foto trauten. Da es auch in den Klassenräumen sehr kalt ist, haben viele Kinder lustige Wollmützen auf dem Kopf, die wie Eierwärmer aussahen. Dafür haben sie – mit Ausnahme von Flip-Flops – nichts an den Füßen … Ich erfahre, dass es schulfrei gibt, wenn die Temperatur in den Klassenräumen auf unter zehn Grad fällt. Das ist wohl am Tag zuvor der Fall gewesen. In der Schule hängen viele Poster, die darauf hinweisen, dass es wichtig ist, sich vor dem Essen die Hände zu waschen - eine aufklärende Maßnahme von Plan. Außerdem sind von Plan neue Mülleimer aufgestellt worden, die die Form eines grünen Frosches haben. 

 

Kuh mit Kälbchen gehören zum Haushalt

 

Nach dem Besuch in der Schule werde ich in das kleine Dorf gefahren, in dem Thi mit ihrer Familie lebt. Zunächst stürmt, noch einige Meter vom Haus entfernt, die Oma auf mich zu und umarmt mich herzlich. Dann erblicke ich Thi. Da ich bislang nur Fotos von ihr kenne, habe ich sie fast nicht erkannt. Sie nimmt ganz selbstverständlich meine Hand und so werde ich von ihr und ihrer Oma zum Haus der Familie geleitet, wo mich schon der Rest der Familie und einige Freunde erwarten. Bloß der kleine Bruder von Thi ist verschwunden. Auf meine Frage, wo er denn sei, erklärte man mir, er sei schüchtern und habe sich versteckt. Thi zeigt mir das Haus. Es besteht aus einem einzigen Raum, der lediglich mit einem großen Bett, einem kleinem Tisch und einigen Sitzgelegenheiten sowie mit einem kleinen Fernseher ausgestattet ist. Die Küche befindet sich in einem kleinen Holzverschlag außerhalb des Hauses. Dort wird über dem offenen Feuer schon fleißig das Mittagessen vorbereitet. Am Ende der Hausbesichtigung zeigt mir Thi stolz die Haustiere der Familie: eine Kuh mit einem kleinen Kälbchen sowie einige Hühner. Bald darauf wird das Mittagessen aufgetischt. Pünktlich zum Essen taucht auch der Bruder von Thi auf.  

 

Klebereiskuchen mit echten Hühnerfüßen

 

Zum Mittagessen legt die Familie auf den Zementboden des Hauses eine Bambusdecke und stellt zahlreiche Schalen mit dampfendem Gemüse und Fleisch- und Reisgerichten in die Mitte. Alle ziehen vor dem Betreten des Hauses die Schuhe aus. Ich werde gefragt, ob ich zum Essen einen Stuhl benötigte. Ich lehne dankend ab  und möchte lieber wie die Familie im Schneidersitz auf dem Boden sitzen. Das klappt an sich ganz gut, allerdings sind meine Beine, obwohl ich nur 1,65 m "groß" bin, für vietnamesische Verhältnisse noch immer zu lang. So stoße ich zur Belustigung aller regelmäßig an meine Sitznachbarn an. Das Essen ist köstlich. Da vor kurzem das Neujahrsfest gefeiert wurde, fällt das Mahl besonders umfangreich aus. Es gibt sogar eine Schale mit echten Hühnerfüßen ... Am besten schmeckt mir jedoch der Klebereiskuchen mit Bohnenfüllung, eine Spezialität zum Neujahrsfest. Nebenbei wird grüner Tee und Reisschnaps ausgeschenkt.

 

Viel zu schnell neigt sich der Besuch dem Ende zu, denn am Nachmittag muss Thi wieder in die Schule. Nach dem Essen versammeln wir uns noch mit der Familie um den kleinen Tisch und schauen meine Fotos aus Deutschland an, die Familie stellt mir dazu viele Fragen. Dann heißt es, Abschied nehmen. Für mich war das ein sehr schöner und ereignisreicher Tag.

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