Klapprige Plastikstühle und Tränen in den Augen
Seit langem zieht es Silvia von Dahlen nach Nepal. Endlich bot sich der Düsseldorferin die Gelegenheit, das Land erneut zu besuchen. Zum ersten Mal trifft sie ihr Patenkind, die neunjährige Saru. Noch ganz frisch sind ihre Eindrücke von ihrem Besuch fernab der Trekkingrouten.Da saß ich nun auf dem klapprigen Plastikstuhl in Kulekhani, einem Dorf mit gefühlten 50 Einwohnern in der Mitte von Nepals Nirgendwo, mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen! Wie ich dorthin gekommen war? Seitdem ich vor neun Jahren das letzte Mal in diesem magischen Land gewesen bin, zog es mich gedanklich immer wieder zurück. Es hat mir so viel gegeben, dass ich mich revanchieren wollte, und die Patenschaft für Saru übernommen habe, ein kleines, damals sieben Jahre altes Mädchen aus der Region Makwanpur, eines der ärmsten Gebiete Nepals.
Aufstieg mit Schläppchen
Dieses Jahr war es endlich soweit, der "Annapurna Curcuit" stand an (Rundgang durch das Bergmassiv), und danach der Besuch bei Saru und ihrer Familie. Die Betreuung durch Plan lief reibungslos, alle Mitarbeiter waren sehr freundlich und bemüht. Alles, was in Nepal normalerweise oft nicht funktioniert, machte Plan möglich. Das Hotel war reserviert, ich wurde bereits abends über den Tagesablauf informiert, am nächsten Morgen stand der Fahrer pünktlich vor der Tür… ich war baff! Ich erwartete, dass wir mit dem Jeep direkt in das Dorf fahren würden. Dementsprechend hatte ich auch nur Schläppchen an. Zum Glück sehr bequeme, da wir noch eine halbe Stunde bergauf steigen mussten. Tja, halt im Nirgendwo, jenseits von fliessender Wasser- und Stromversorgung. Aber dank Plan gibt es seit einiger Zeit Latrinen, medizinische Versorgung und viele weitere Verbesserungen des Alltags.
Tränen in den Augen
Ich wurde immer aufgeregter, zumal mir die Mitarbeiter sagten, ich wäre die erste Patin und erste Europäerin, die dieses Projekt besuchen würde. Und dann kamen wir um eine Ecke und ich stand vor dem Haus von Saru. Es herrschte erst einmal allgemeine Verwirrung, die sich aber schnell legte. Für uns Gäste wurden extra ein uralter Schreibtisch und besagte klapprige Plastikstühle besorgt. Wir mussten uns setzen und ich wurde herzlich mit Blumengirlanden und Schals empfangen. Bishnu, Sarus Mutter, hatte Tränen in den Augen - und ich auch.
Große Fassungslosigkeit
Nachdem wir uns alle etwas gefasst hatten, überwog die Neugier. Saru wurde zutraulicher und setzte sich neben mich. Ich übergab meine Geschenke. Damit war der Damm gebrochen und plötzlich war das ganze Dorf um uns herum, beäugte mich vorsichtig und stellte Fragen. Zum Beispiel, ob ich mit dem Bus, Taxi oder Auto nach Nepal gekommen wäre? Fragen zu meiner Person: 37 Jahre, nicht verheiratet, keine Kinder (allgemeine Fassungslosigkeit), wie viele Mitglieder meine Familie hätte? (wenige, nur Eltern, Bruder und Schwägerin … noch mehr Staunen und Fassungslosigkeit). Da prallten wirklich Welten aufeinander, aber wir haben sehr viel gelacht.
Hilfe zur Selbsthilfe
Aber auch ich erfuhr viel, zum Beispiel über die Projektarbeit von Plan. Ich war tief beeindruckt. Der Ansatz von Plan, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, scheint mir hier voll und ganz aufgegangen zu sein. Die Strukturen sind klar und die verschiedenen Ortsgruppen funktionieren gut. Die Frauen der Region schließen sich in Komitees zusammen und betreiben eine Art Shareholderschaft, mit der sie selbstständige Entscheidungen über tägliche Bedürfnisse treffen. Alle, denen ich begegnet bin, machten einen sehr selbstbewussten und zufriedenen Eindruck. Plan greift in der Regel dort ein, wo die Gruppen alleine nicht weiterkommen und Hilfe benötigen, oder wenn neue Projekte aufgesetzt werden.
Schule randvoll mit Kindern
Nachdem ich Rakshi (Schnaps) trinken und gekochte Eier essen durfte, mir das bescheidene Heim, das Dorf und eine rituelle Stelle auf einem Hügel oberhalb des Ortes (alles mit meinen Schläppchen) gezeigt wurden, ging es weiter zur Schule. Dort wurden wir von über hundert neugierigen, kichernden Kindern empfangen. Die Schule war sehr einfach eingerichtet. Aber es ist eine Schule, was für diese Gegend nicht selbstverständlich ist. Mir wurden im Zimmer des Direktors die Lehrer vorgestellt. Wir konnten uns kaum bewegen, weil jeder Zentimeter mit Kindern besetzt war. Die Schule wird ebenfalls von Plan unterstützt. Auch dieser Besuch war sehr bewegend.
Gutes Gefühl
Auf dem Rückweg nach Kathmandu machten wir noch einen kurzen Stopp in einem der Büros des bereits erwähnten Frauenkomitees. Es war vor erst einem Jahr eingeweiht worden, natürlich mit der Unterstützung von Plan. Dieser dient nun als Büro, Anlaufstelle, Meetings- und Schulungsraum für Nähkurse, frühkindliche Erziehung etc. Die vier Damen des Komitees gaben mir gerne Antworten auf meine vielen Fragen. Und auch sie stellten nach anfänglichem Zögern und Kichern die mir schon bekannten Fragen.
Auf der Rückfahrt war ich erschöpft, maulfaul und nachdenklich. Was für ein Tag! Er hat mir gezeigt, mit wie wenig Menschen glücklich sein können, wenn sie nur ein bisschen Unterstützung bekommen. Und was uns hier in der Regel für nichtige Zivilisationsprobleme im Alltag plagen. Das hat sie wieder ins rechte Licht gerückt, meine Prioritäten. Für alle, die noch unschlüssig sind: Es ist ein gutes Gefühl, sein Quentchen beizutragen!

