Wenn die Erde bebt - Besuch in China
Seine Studienreise durch China nutzte Günter Milbradt aus Dortmund, um sein Patenkind, die achtjährige Chen, in der Region Pu Cheng besuchen. Während seines Aufenthaltes in Pu Cheng brach Hunderte Kilometer weiter in Sichuan das Erdbeben aus.Meine Reise startet in Peking. Der Besuch bei Chen und ihrer Familie ist für den 12. Mai vereinbart. Zur Überwindung der Sprachbarriere habe ich Frau Yang, eine chinesische Freundin, um Hilfe gebeten. Die Mitarbeiter des Büros von Plan China sprechen zwar hervorragend Englisch, aber ich traue meinen eigenen Englischkenntnissen nicht so richtig - und vor allem möchte mich bei meinem Besuch auf die Menschen konzentrieren.
Am nächsten Morgen werden Frau Yang und ich vom Fahrer von Plan China in Xi’an abgeholt. Wir machen uns auf den Weg nach Pu Cheng. Dort befindet sich das Projektbüro des Gebietes. Pu Cheng, eine Kreisstadt mit etwa 70.000 Einwohnern, liegt etwa 160 Kilometer entfernt und ist gut über die neue Autobahn zu erreichen. Die Mitarbeiter zeigen uns auf einer Karte, wo die einzelnen Gemeinden liegen, in denen Plan Projekte durchführt. Die Programmarbeit von Plan, so wird mir erklärt, konzentriert sich nicht nur auf die Schulbildung der Kinder, ihre gesundheitliche Betreuung, die Zahnbehandlung und den Bau von neuen Schulen einchließlich sanitärer Anlagen. Auch beim Hausbau bekommen die Familien von Plan Unterstützung. Hier werden die alten, aus ungebranntem Lehm gebauten Hütten durch Ziegelbauten ersetzt und mit Zweikammertoiletten ausgestattet, die die hygienischen Verhältnisse verbessern.
Viele neugierige Fragen
Auf dem Weg von Pu Cheng in das Dorf von Chen, statten wir der Bezirksregierung in San He kurz einen Besuch ab und holen eine Dame aus dem Vorstand ab. Auch sie hat einige Fragen an mich: Warum ich spende, wie ich dazu komme, warum ich mich gerade für China entschieden habe??? Und viele andere allgemeine und persönliche Fragen. Man versteht dieses Wissensdurst, wenn man weiß: Chinesen sind neugierig, freundlich und tolerant – und sie nutzen jede Gelegenheit, um Ausländer kennenzulernen.
Chens Dorf liegt etwas abseits, es besteht eigentlich nur aus der Hauptstraße und zwei oder drei Häusern in kleinen Nebenstraßen und gehört erst seit etwa zwei Jahren zum Projekt. Die Gemeinde gehört zum Verwaltungsbezirk von San He mit insgesamt 22.640 Einwohnern in insgesamt 16 Dörfern. Da es für Chen keine vernünftige Möglichkeit gibt, den täglichen Schulweg nach San He ohne großen zeitlichen Aufwand zu bewältigen, wohnt sie die Woche über in einer Art Schulheim und kommt nur am Wochenende nach Hause. An meinem Besuchstag bei Chen wird eine Ausnahme gemacht. Sie muss heute Vormittag nicht zur Schule und wartet mit ihrer Familie auf meine Ankunft. Als wir das Haus der Familie erreichen, begrüßt uns zunächst der Dorfvorsteher, der den gleichen Nachnamen wie Chen und ihre Eltern trägt, aber mit den Hausherren nur entfernt verwandt ist. Dann kommt die Familie, um mich zu begrüßen. Chen ist anfangs noch etwas scheu. Aber wir freunden uns schnell an. Frau Yang, meine Übersetzerin, ist dabei eine große Unterstützung. Zunächst gibt es Tee, kurze Zeit später packe ich meine Geschenke aus. Auch dabei Fragen über Fragen - auf Chinesisch, Englisch und Deutsch.
Lebensunterhalt durch Schweinezucht
Es vergeht einige Zeit, bis sich die erste Aufregung legt. Chen hat eine kleine, wenige Monate alte Schwester, die sie stolz auf dem Arm trägt. Dann gibt es ein hervorragendes Essen, zubereitet von Chens Mutter und einigen Nachbarinnen. Serviert werden zu Ehren meines Besuches Jiaozi, mit Spinat, feinen Kartoffeln und Knoblauch gefüllte Teigtaschen, dazu eine Chilsauce. Als Beilagen ein Schweinefleischgericht, Nudelsalat und kaltes süß-saures Gemüse. Jiaozi gibt es meistens nur einmal im Jahr, nämlich zum Neujahrsfest. Einige Nachbarn kommen zum Ende des Essens und schauen uns zu. Sie lachen, als eine Nachbarin in Bezug auf meine Figur fragt, ob es in Deutschland vieles und gutes Essen gebe??? Anschließend verrate ich noch einige Rezepte aus Deutschland.
Es wird viel diskutiert. Einige der Fragen, die ich ursprünglich hatte, gehen dabei unter. Aber ich erfahre, dass die Großmutter Schweine züchtet und, bedingt durch die gestiegenen Fleischpreise, ein verhältnismäßig gutes Geschäft damit macht. Die Familie kann von diesen Einnahmen und denen aus der Landwirtschaft leben. Dann heißt es, Abschied nehmen. Chen muss an diesem Tag noch zurück in ihre Schule nach San He. Als Geschenk überreicht mir die Familie einen selbst genähten Bettüberwurf und selbst hergestellte Hausschuhe. Wenn man bedenkt, wie arm die Menschen sind, kann man das nicht hoch genug bewerten. Ich habe mich darüber sehr gefreut.
Plötzlich bebt der Boden
Auf dem Weg zu Chen's Schule in San He wollen wir für alle 82 Mitschülerinnen und Mitschüler eine Kleinigkeit zum Naschen kaufen. Statt Süßigkeiten soll es Obst sein, für jeden eine Banane. Wir füllen den Einkaufswagen und haben schon fast die Kasse erreicht, da kommt es zu einem Ereignis, das alles bisher Erlebte übertrifft. Um 14:28 Uhr erreicht uns das für China und seine Menschen verheerende Erdbeben. Alles bewegt sich, keiner weiß, was los ist. Ich habe für einen kurzen Moment das Gefühl, durch einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu sterben. Selbstverständlich verlassen wir sofort das Gebäude, wie alle anderen auch. Überall auf der Straße stehen die Menschen, die ihre Häuser verlassen haben und nun ratlos herumstehen. Der Schrecken ist allen ins Gesicht geschrieben. Glücklicherweise ist die Region, in der Chen und ihre Familie lebt, nicht unmittelbar betroffen. Die schwersten Verwüstungen finden Hunderte Kilometer weiter in der chinesischen Provinz Sichuan statt. Schon auf der Rückfahrt nach Xi'an hören wir die ersten Schreckensmeldungen.
Wir verzichten auf den Einkauf und sehen zu, dass Chen wohlbehalten in die Schule gelangt. Dort verabschiede ich mich dann endgültig von meinem Patenkind. Zurück in Pu Cheng trage ich mich in das Gästebuch des Plan-Büros ein. Dann bringt mich mein Fahrer zurück nach Xi'an. Dieser Tag bleibt in zweierlei Hinsicht für mich unvergesslich, eine gute und eine erschreckende Erinnerung haben sich in mein Gedächnis gebrannt - und ich versuche, beide voneinander zu trennen.

