Sudan: Jugendliche werden aktiv

Sie nutzen jede Möglichkeit, um auf die negativen Folgen von "Khitan", - weiblicher Genitalverstümmelung - aufmerksam zu machen. Kinder und Jugendliche im Sudan setzen sich mit Theaterstücken, selbst gestalteten Plakaten oder Videos gegen die grausame Praktik ein.

"Es Salaam Aleikum! Wir, die Kinder und Jugendlichen aus dem Sudan, grüßen Sie herzlich.  Wir möchten Ihnen erzählen, wie „Khitan“, die Verstümmelung weiblicher Genitalien unser Leben, unser Selbstwertgefühl und unsere Würde beeinflussen."

 

"In unserer Sprache heißt diese Tradition "Khitan" und wird wie viele andere schädliche Traditionen wenig hinterfragt. Wir  finden, dass diese Praktik nicht gerechtfertigt ist – weder durch die Tradition noch die Religion. Familien lassen ihre Töchter beschneiden, damit sie kein Interesse an Sexualität zeigen und bis zur Heirat Jungfrau bleiben. Somit bleibt die Ehre der Familie gewahrt. Viele glauben auch, dass unbeschnittene Mädchen keinen Ehemann finden. Manche denken, dass die Verstümmelung zum islamischen Glauben gehört. Aber das ist nicht der Fall. Die Tradition ist auf die Zeit der Pharaonen zurückzuführen und wurde wahrscheinlich von Nomaden weitergetragen."

 

Sehr häufig sind es die Hebammen, die "Khitan" durchführen: zuhause, in privaten Kliniken oder auch an versteckten Orten. Viele dieser Frauen leben davon und halten deshalb an der Tradition fest. Obwohl es gesetzliche Regelungen gegen "Khitan" gibt, wird sie weiter praktiziert – auch in gebildeten Schichten.


"Wir müssen unser Verhalten ändern"
"Als Plan in unseren Gemeinden anfing zu arbeiten, haben wir uns viel mit dem Thema Kinderrechte beschäftigt. Seither nutzen wir jede Möglichkeit, um auf die negativen Folgen von "Khitan" aufmerksam zu machen. Wir reden mit den Erwachsenen, singen, führen Theaterstücke auf, gestalten Plakate oder drehen Videos. Plan hat Trainingsprogramme mit religiösen und lokalen Führungspersonen und den Beschneiderinnen durchgeführt. Aber auch Mädchen und Jungen, Jugendliche und Erwachsene hatten die Möglichkeit, über die Folgen und die Menschenrechtsverletzungen dieser Praktik zu sprechen. Um die Tradition abzuschaffen, müssen wir unser Verhalten verändern."

 

Ein Video öffnete Shafaq die Augen
Shafaq ist zwölf Jahre alt und lebt in einer der Gemeinden von Edduweim. Sie geht in die sechste Klasse. Shafaq wurde nicht beschnitten, weil ihr Vater dagegen war. In der Schule fragten ihre Klassenkameradinnen sie häufig, warum sie nicht beschnitten sei. "Früher habe ich darauf immer geantwortet, dass mein Vater das nicht wollte und dass er immer sagte, es sei seine Pflicht vor Gott, mich vor dieser schädlichen Tradition zu schützen", erklärt Shafaq. „Ich selbst war nicht gegen die Beschneidung, denn mir gefielen die Zeremonie und die Geschenke, die andere Mädchen nach der Beschneidung erhielten. Doch seit ich mir mit meinem Vater ein Video angeschaut habe, das Plan Sudan in unserem Dorf zeigte, habe ich den Mut, mich in der Schule vor alle Leute zu stellen und ihnen zu sagen, dass ich gegen die Beschneidung bin."

 

"Wir müssen viel Aufklärungsarbeit leisten und darauf hinweisen, dass es Gesetze gibt, die ,Khitan‘ verbieten", sagt Mohammed, ein Gemeindesprecher. "In den Gemeinden müssen wir die  Beschneiderinnen unterstützen, mit anderen Tätigkeiten Geld zu verdienen. Wir sind so froh darüber, dass wir mit Hilfe von Plan gelernt haben, dieses Thema offen in unseren Familien, Schulen und Gemeinden ansprechen zu können. Dies wäre vor einigen Jahren nicht möglich gewesen."

 

Plans Arbeit gegen Genitalverstümmelung
Genitalverstümmelungen sind im Sudan sehr verankert und beinhalten unterschiedliche Formen der Entfernung der äußeren Genitalien. Schätzungsweise 90 Prozent der Frauen sind davon betroffen, 60 Prozent werden Opfer der extremsten Form der Verstümmlung, der pharaonischen Beschneidung. Dabei werden die Klitoris, die großen und kleinen Schamlippen entfernt und die beiden Seiten der Vulva anschießend bis auf ein kleines Loch zusammengenäht. In der Regel wird die Beschneidung bei Mädchen zwischen dem fünften und achten Lebensjahr durchgeführt.

 

Projekt "Mein Körper – mein Recht"
Zusammen mit Gemeinden, Gemeindekomitees, Regierungseinrichtungen und lokalen Nichtregierungsorganisationen hat Plan Sudan in 72 Gemeinden der Programmgebiete Edduweim und Alaga das Projekt "Mein Körper – mein Recht" durchgeführt. Kinder, Jugendliche, Mütter, Frauen, Religionsführer, Lehrkräfte und Gesundheitspersonal in den Projektgemeinden beteiligten sich aktiv und nahmen an Beratungen und Schulungen teil. Die Aufklärungskampagnen umfassten Plakataktionen, Info-Broschüren, Radiosendungen, Gesundheitstage und Konferenzen. Medienvertreter wurden sensibilisiert, damit sie in Printmedien, im Radio und im Fernsehen für die Beseitigung der weiblichen Genitalverstümmelung eintreten.

 

Religionsführer, Hebammen, Gesundheitspersonal, Lehrkräfte, Frauenvertreter und  Jugendliche wurden über die Praktik aufgeklärt. Viele geschulte Hebammen praktizieren keine Beschneidungen mehr. Kinder, die an Theaterkursen teilgenommen haben, informierten an Tagen der offenen Tür in den Schulen und an Feiertagen über die Notwendigkeit, weibliche Genitalverstümmelung abzuschaffen. Sie sind zu wichtigen Fürsprechern und Botschaftern geworden. Insgesamt hat das Projekt erreicht, dass die Kultur des Schweigens über die Praktik gebrochen wurde und die Bereitschaft gewachsen ist, Mädchen vor dieser Praktik zu schützen.

 

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