Plans Strategien und Ansätze gegen weibliche Genitalverstümmelung
Das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung ist äußerst komplex. Mit der Praktik werden lokal oft ganz unterschiedliche Wertvorstellungen, Rahmenbedingungen und Ansichten verbunden. Bevor Plan in Aktion tritt, ist es deshalb wichtig, die spezifischen Kenntnisse, Einstellungen und Verhaltensweisen der Gemeinden zu analysieren und die Vorgehensweise gegen die Praktik den Besonderheiten einer Region oder sogar eines Dorfes anzupassen.In Mali kann nicht mit der gleichen Strategie gearbeitet werden wie in Sierra Leone oder in Burkina Faso, da die Gründe, an der Tradition festzuhalten, grundverschieden sind. Eine Radiosendung über Beschneidung, die in Mali toleriert wird, kann in Sierra Leone zu heftigen Protesten und Zerstörung der Radiostation führen. Wichtig sind auch langfristig angelegte Projekte. Eine Verhaltensänderung, wie die Aufgabe einer uralten Tradition, kann nicht innerhalb von wenigen Jahren vollzogen werden.
Gemeinden stehen im Mittelpunkt
Partizipation steht im Mittelpunkt von Plans Ansatz der kindorientierten Gemeindeentwicklung. Die Kinderhilfsorganisation begleitet die Gemeinden in ihrer Entwicklung und unterstützt sie dabei, traditionelle Einstellungen zu hinterfragen, sich über die Kinderrechte zu informieren und eigene Vorschläge für die Lösung ihrer Probleme zu entwickeln. Dabei arbeitet Plan zu den unterschiedlichsten Kinderrechtsverletzungen wie mangelnde Gesundheitsvorsorgung, fehlender Zugang zu Bildung oder die Abschaffung der Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung.
Durch seine langjährigen Projekterfahrungen weiß Plan, dass gerade die Anfangsphase eines Projektes wesentlich erfolgreicher und problemfreier abläuft, wenn die Projektmitarbeiter/-innen aus der gleichen oder einer eng verwandten Volksgruppe der Zielgemeinde kommen und einen respektierten Status in dieser Gemeinde haben. Projektmitarbeiter, die andere Sprachen als die der Gemeindemitglieder sprechen und andere traditionelle Werte vertreten, haben weniger Aussicht, gehört zu werden und Veränderungen zu erreichen.
Dialog und Partnerschaft
Druck oder Drohungen bewirken langfristig keine Verhaltensänderung, sondern rufen entweder offenen Widerstand hervor oder führen dazu, dass die Praktik im Verborgenen weitergeführt wird. Ziel der Arbeit von Plan und seinen Partnern ist, die Gemeinden zum Nachdenken und zur Veränderung ihres Verhaltens anzuregen, damit sie von sich aus die Entscheidung treffen, von der Tradition Abstand zu nehmen. Um einen konstruktiven Dialog mit den Gemeinden aufzubauen, ist es wichtig, dass die Mitarbeiter/-innen der projektdurchführenden Organisation das Thema nicht verurteilen und ihre Wortwahl an die der Gemeinde anpassen. Eine unsensible Wortwahl kann jeglichen Fortschritt in Richtung Abschaffung der Praktik unmöglich machen.
Plan hat auch die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht auszahlt zu Projektbeginn Druck auf unzugängliche Gemeindemitglieder auszuüben. Dies führt leicht zu einer Mobilisation der Gemeinde gegen die Aktivitäten. Stattdessen sollten Gemeindemitglieder, die für das Thema empfänglich sind, in ihrer Position gestärkt werden. So ist es hinterher leichter, weitere Gemeindemitglieder zu mobilisieren.
Generationendialog fördern
In vielen Teilen Afrikas ist durch die zunehmende Globalisierung ein Konflikt zwischen jüngeren und älteren Generationen entstanden: Während viele ältere Menschen an Traditionen festhalten, versuchen sich jüngere Menschen von diesen zu lösen. Hier macht es Sinn, in Form von Mediationen (Schlichtungen) einen Austausch zwischen den Generationen anzuregen.
Lokale Komitees bilden
In Mali, wo Plan schon sehr lange zu dem Thema arbeitet, haben sich in jedem Dorf lokale Komitees gebildet. Diese entwickeln jedes Jahr einen Aktionsplan gegen die Praktik, die sie dann mit finanzieller Hilfe von Plan umsetzen. Die lokalen Komitees haben mittlerweile sehr großen Einfluss und wissen genau, welche Familien und Gemeinden ihre Töchter noch beschneiden lassen.
Über Kinderrechte aufklären
Die Aufklärung über die medizinischen Risiken und Spätfolgen der Praktik sowie die Behandlung von Folgen bieten oft eine erste Möglichkeit, das Tabuthema anzusprechen. Plan arbeitet jedoch nicht ausschließlich mit diesem Ansatz, da er nur selten die gewünschte Verhaltensänderung herbeiführt. Um eine langfristige Verhaltensänderung zu erreichen, setzt Plan in seiner Arbeit verstärkt auf Aufklärungen, Diskussionen und Weiterbildungen der Gemeinden über Menschen-, Frauen- und Kinderrechte. Es wird gemeinsam mit unterschiedlichen Gemeindegruppen erarbeitet, welche Rechte der Frau und des Mädchens durch die Praktik der Genitalverstümmelung verletzt werden.
Lobbyarbeit auf allen Ebenen
Lobbyarbeit auf Ebene der Entscheidungsträger stellt bei allen Verhaltensänderungen eine wesentliche Komponente dar und ist ein grundlegender Bestandteil von Projekten zur Abschaffung der Genitalverstümmelung. Nur durch gleichzeitige Lobbyarbeit auf unterschiedlichen Ebenen ist die Abschaffung dieser grausamen Praktik schrittweise möglich.
Mädchen schützen
Es gibt mittlerweile viele Beispiele, wie Mädchen vor weiblicher Genitalverstümmelung geschützt werden können. Plans Partnerorganisationen in Guinea arbeiten zum Beispiel mit einem Ansatz, der versucht, unbeschnittene Mädchen vor Diskriminierung zu schützen und sie und ihre Eltern darin zu stärken, bei ihrer Entscheidung zu bleiben. Gruppen von unbeschnittenen Mädchen profitieren von Extra-Schulungen, Feriencamps und organisieren mit Hilfe der Organisationen Solidaritätsmärsche. Der Ansatz zeigt gute Ergebnisse und ist geeignet für Gegenden, in denen der soziale Druck es Individuen unmöglich macht, der Praktik zu entkommen.
In Guinea haben sich inzwischen sieben Dörfer offiziell als beschneidungsfrei erklärt. Das ist ein großer Erfolg, denn je mehr Dörfer ihre Töchter unbeschnitten aufwachsen lassen, müssen die jungen Frauen keine Angst haben, später keinen Ehemann zu finden und sozial ausgeschlossen zu werden.
Einige Partnerorganisation von Plan in Mali haben gute Erfahrungen damit gemacht, eng mit werdenden Eltern zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, die Beschneidung von neugeborenen Mädchen zu verhindern. In einem weiteren Schritt ist es dann möglich, Eltern, die einwilligen, ihre Töchter unbeschnitten zu lassen, in Solidaritätsgruppen zu organisieren. Die Solidaritätsgruppen treffen sich regelmäßig, um ihre Erfahrungen auszutauschen, sich gegen sozialen Druck zu stärken und um Strategien zu entwickeln, mehr Eltern für die Abschaffung der Tradition zu gewinnen.
Traditionelle Informationswege nutzen
In den ländlichen Gemeinden Westafrikas zeigt schriftliches Material zur Aufklärung über Genitalbeschneidung aufgrund der niedrigen Bildungsrate wenig Wirkung, selbst wenn es in lokalen Sprachen verfasst ist. Gleichermaßen sind Fernsehsendungen wenig erfolgversprechend, da es in den meisten Dörfern weder Fersehgeräte noch Strom gibt. Hingegen haben ländliche Radiosender in lokalen Sprachen sowie die Zusammenarbeit mit traditionellen Sprechern („Griots“) einen weit bedeutsameren Einfluss und können gut eingesetzt werden.
Die Strategien und Ansätze wurden zusammengestellt von Alice Behrendt.




