Das Schweigen brechen

In Sierra Leone sind nach Schätzungen 95 Prozent der Frauen beschnitten. Weibliche Genitalverstümmelung ist dort wie in vielen Ländern Afrikas ein Tabuthema. Der gewaltsame Ritus war selbst auf politischer Ebene weitgehend akzeptiert. Plan setzt sich dafür ein, die Kultur des Schweigens zu brechen und Mädchen vor dieser Menschenrechtsverletzung zu schützen.

Lange Zeit verteidigten Politiker in Sierra Leone die Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung. Die neue Regierung unter Ernesto Bai Koroma hat sich Anfang 2008 zum ersten Mal öffentlich gegen die Praktik ausgesprochen und ein Verbot angekündigt. Noch ist jedoch unklar, wann ein Gesetz verabschiedet wird. Denn Verfechter der Tradition genießen immer noch breite Unterstützung in der Gesellschaft.



Weibliche Genitalverstümmelung ist in Sierra Leone Teil eines Initiationsritus, durch den Mädchen in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen werden. Es ist eine in der Gemeinde bedeutsame Zeremonie mit Tanz und Gesang. Doch neben der Genitalverstümmelung kommt es auch zu anderen schweren Kindesmisshandlungen, die die Mädchen auf die Leiden als Frau vorbereiten sollen. Sie werden zum Beispiel mit Stöcken und Peitschen verprügelt oder gezwungen, während so genannter Waschzeremonien den Kopf für lange Zeit unter Wasser zu halten. Die Mädchen müssen unter Eid schören, niemals über das, was während der Initiation geschehen ist, zu sprechen.



Schwere Misshandlungen
Da bei der Beschneidung der Mädchen oft alte Messer oder andere verschmutzte Instrumente benutzt werden, kommt es häufig zu Komplikationen wie schweren Blutungen und Infektionen - manche Mädchen sterben daran. Das wird dann als Hexerei gewertet: Die verletzten oder verstorbenen Mädchen seien von bösen Geistern besessen. Viele Menschen glauben zudem, Beschneiderinnen verfügten über übernatürliche Kräfte.



Bisher wagen es nur wenige Organisationen vor Ort, sich für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung einzusetzen. Viele von ihnen erhalten Morddrohungen. Ihre Arbeit wird massiv behindert. Plan setzt sich dafür ein, die Kultur des Schweigens zu brechen und ein Bewusstsein für diese schwere Menschenrechtsverletzung in Sierra Leone zu schaffen. Insgesamt arbeitet Plan mit 60 Gemeinden in den Distrikten Bombali und Port Loko zusammen. Eine Studie ergab, dass Genitalverstümmelung in diesen Regionen zwar sehr verbreitet ist, viele Bewohner aber grundsätzlich bereit sind, sich kritisch mit der Tradition auseinanderzusetzen.



Plan klärt gemeinsam mit zwei lokalen Partnern die Gemeindemitglieder darüber auf, welche seelischen und körperlichen Folgen die Genitalverstümmelung für Mädchen und junge Frauen hat. Dabei entsteht ein konstruktiver Dialog für eine Abkehr von der Tradition. Auch lässt Plan Kinder und Jugendliche ausbilden, Gleichaltrige über die Kinderrechte zu informieren, mit dem Ziel, sie zu stärken und ihnen eine Stimme zu geben. Eingebettet ist das Projekt in umfassende Programme zur Gesundheit, Bildung, Familienplanung und der Stärkung der gesellschaftlichen Stellung der Frauen.

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