Abschaffung der Genitalverstümmelung braucht langen Atem
In zahlreichen überwiegend afrikanischen Ländern werden Mädchen an den Genitalien verstümmelt. Dies gilt als "Eintrittskarte" in das Gemeindeleben. Nicht beschnittene Mädchen werden oft sozial ausgegrenzt. Die Psychologin und Plan-Beraterin Alice Behrendt erklärt im Interview, wie mühsam der Kampf gegen diese Praxis ist.Wie hat sich die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung in den vergangenen Jahren entwickelt?
Vieles ist in den vergangenen Jahren zur Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung erreicht worden. In vielen Ländern und Regionen können wir endlich darüber reden, diskutieren und aufklären. Immer mehr Eltern, Meinungsführer und Regierungsabgeordnete stellen sich gegen die Praktik, besonders in den Hauptstädten. In Ouagadougou oder Dakar ist definitiv ein Rückgang zu verzeichnen. Auf dem Land ist der Fortschritt weniger sichtbar und beschränkt sich auf die Gegenden, wo Plan und andere Organisationen intensiv gegen diese Praktik arbeiten.
Wie geht Plan konkret gegen Genitalverstümmelung vor?
Wir verfolgen mehrere Strategien, um dieser Praktik entgegenzuwirken und setzen vor allem auf Aufklärung. Die Gemeinde - auch die Männer und Kinder - haben ein Recht auf Information über die negativen Folgen der Genitalverstümmelung. Über unsere lokalen Partnerorganisationen stoßen wir Diskussionen an und betreiben Lobbyarbeit auf allen Ebenen, angefangen bei den Familienoberhäuptern, über den Dorfchef und den Imam bis zur Ebene der Afrikanischen Union. Wir arbeiten als Berater und geben unseren lokalen Partnerorganisationen technische und finanzielle Unterstützung, damit diese die Verhaltensänderungen an der Basis vorantreiben können.
Könnte man mit Druck arbeiten, um diese furchtbare Praxis abzuschaffen?
Wenn das so einfach wäre, würden wir es auch tun. Vom Standpunkt der westlichen Welt, wo Regierungen stabil und Gesetze nicht nur auf dem Papier bestehen, erscheint einem das zweifelsohne als einfachste Lösung. Tatsächlich täuschen die Gemeinden dann oft ein Aufhören vor, bringen ihre Kinder aber heimlich woanders hin oder sie beschneiden sie gleich nach der Geburt. Und diese Geheimnishaltung müssen viele Mädchen mit dem Tod bezahlen: Eltern und Beschneiderinnen trauen sich aus Angst vor einer Bestrafung nicht, im Falle von Komplikationen Hilfe zu holen. Das Mädchen verblutet oder stirbt an einer Infektion. Für mich ist klar, wer auf Druck setzt, wird das Ziel, diese Menschenrechtsverletzung dauerhaft aus der Welt zu schaffen, nie erreichen! Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass es nicht um die Empörung der Aktivisten über die grausame Praktik geht, sondern darum, gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie wir die Mädchen schützen können.
Welche sind die größten Vorurteile, gegen die Plan und seine Partnerorganisationen ankämpfen müssen?
Häufig glauben die Menschen in Afrika, dass eine unbeschnittene Frau sich sexuell nicht kontrollieren kann und für jeden Mann sofort zu haben wäre. Und die Treue der Frau ist sehr wichtig für das Ansehen einer Familie. Entsprechend weigern sich Männer, unbeschnittene Mädchen zu heiraten. Ein nicht "heiratsfähiges" Mädchen wird manchmal sogar aus der Gemeinde ausgestoßen. Die Verstümmelung der Genitalien eines Mädchens ist also ihre "Eintrittskarte" in das Gemeindeleben als vollwertige Frau. Die Eltern halten es für das kleinere Übel, ihre Töchter beschneiden zu lassen. Sie wollen nicht, dass diese lebenslang aus der Gemeinde verstoßen werden.
Ein weiterer Aberglaube ist, dass wenn eine unbeschnittene Frau ein Feld betritt, es dort nie wieder regnen wird. Was das in Ländern wie Mali oder Senegal bedeutet, wo ohne Regen Hungersnöte ausbrechen, kann man sich leicht ausmalen. Es gibt auch den Glauben, dass die Klitoris das Neugeborene tötet. Diese Auffassungen verdeutlichen, warum es für diese Gesellschaften wichtig ist, dass die Mädchen beschnitten werden. Welche Mutter würde schon ihr Kind bei der Geburt töten wollen oder dafür verantwortlich sein, dass die ganze Gemeinde hungert? Und da das Bildungsniveau im ländlichen Afrika nach wie vor sehr niedrig ist, ist es auch nicht leicht, gegen diese Mythen anzukommen. Deshalb investiert Plan auch sehr viel in die Bildung von Frauen und Mädchen.
Warum ist ein angemessener Sprachgebrauch vor Ort so sensibel? Was passiert, wenn man beispielsweise von Verstümmelung spricht?
In gebildeten Kreisen in den Hauptstädten hat sich das Kürzel "FGM" (Female Genital Mutilation, weibliche Genitalverstümmelung) eingebürgert. Auf dem Land und in weniger gebildeten Schichten sieht das ganz anders aus! Dort verliert man mit dem Wort Verstümmelung jede Möglichkeit, über das Thema zu sprechen. Ein Beispiel: In einem Dorf im Regenwald von Guinea riefen Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation die Leute zusammen, und forderten ein Ende der Genitalverstümmelung. Die Dorfbewohner haben die Aktivisten mit Stöcken und anderen Gegenständen krankenhausreif geprügelt.
Plan unterstützt seit kurzem eine engagierte nationale Partnerorganisation in genau diesem Gebiet. Im Gegensatz zu den damaligen Aktivisten in Guinea haben sie die Gemeinden einfach gefragt, wie sie diese Praktik benennen. Die Antwort war "toma", das Wort für Initiation. Übersetzt heißt es "gegenseitige Hilfe". Unsere Partner pflegen seit einigen Jahren alternative Initiationsriten ohne eine Beschneidung. Anfangs waren nur wenige Eltern bereit, ihre Töchter an dem Alternativritual teilnehmen zu lassen. Zurzeit übersteigt die Anmeldungsliste der Mädchen für Alternativriten schon die Kapazität der Organisation. Im April haben der Bürgermeister der Kleinstadt des Projektgebietes sowie einige traditionelle Führer öffentlich ihre Töchter für die Alternativzeremonie angemeldet. Das war ein riesiger Schritt nach vorn.
Für Plan besteht kein Zweifel, dass es sich bei der Praktik um eine Verstümmelung handelt. Aber um genau diese Verstümmelung abzuschaffen, müssen wir an der Basis mit unterschiedlichen Strategien arbeiten. Es ist ein großer Unterschied, ob man auf internationaler Ebene gegen diese Praktik arbeitet oder aber Aufklärung an der Basis betreibt.
Darf man Mädchen direkt fragen, ob sie beschnitten wurden oder Eltern, ob sie ihre Töchter beschneiden lassen wollen?
Das kommt darauf an, wer es ist und wo man ist. Und ob man an einer ehrlichen Antwort interessiert ist. In vielen Dörfern Senegals, Togos oder Burkina Fasos zum Beispiel kann man die Frage durchaus stellen und die Antwort würde oft heißen: "Das haben wir früher gemacht, aber seitdem es das Gesetz gibt, haben wir aufgehört." Mir wurde berichtet, dass wenn man jedoch eine Person der gleichen Volksgruppe inkognito in das gleiche Dorf schickt, kommt heraus, dass die Mädchen dort nach wie vor verstümmelt werden. Hier zeigt sich wieder, dass Druck kein adäquates Mittel ist. Verhaltensänderungen müssen mit wirklichen Überzeugungen einhergehen. Genau deshalb erarbeiten wir mit den Gemeinden Ansätze gegen Genitalverstümmelung und unterstützen sie Schritt für Schritt bei dieser dauerhaften Aufgabe. Strategien, die auf Bedrohung, Druck und schnelle Erfolge setzen, können nicht nachhaltig Mädchen vor dieser grausamen Tradition schützen.
Können medizinisch geschulte Plan-Mitarbeiter oder unsere lokalen Partner prüfen, ob Mädchen beschnitten wurden?
Unter bestimmten Umständen ist eine Untersuchung der Mädchen möglich, es bedarf jedoch viel gegenseitigen Vertrauens. Eines unserer Partnerdörfer in Mali hat von sich aus ein Papier verfasst, dass alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unserer Partnerorganisation und auch von Plan die Berechtigung haben, die körperliche Unversehrtheit der Mädchen zu überprüfen. In Guinea, wo Plans Partnerorganisationen mit Alternativritualen arbeiten, wird ebenfalls vor der Teilnahme kontrolliert, ob die Mädchen wirklich unbeschnitten sind. Die Eltern geben mit der Teilnahme an dem Alternativritual ihr Einverständnis, dass ihre Tochter regelmäßig nach dem Alternativritus von einer Hebamme der NGO begutachtet wird. Allerdings hat dieser Ansatz nur bedingte Reichweite, da er ungeheuer aufwendig ist.
Warum werden in vielen Ländern zunehmend jüngere Mädchen beschnitten?
Diese Tendenz besteht quer über den afrikanischen Kontinent. Früher wurden die Mädchen während der Initiation, also zwischen acht und 18 Jahren beschnitten. Das Alter ist in den letzten 20 Jahren jedoch kontinuierlich gesunken, inzwischen werden schon drei- und vierjährige Mädchen oder Säuglinge verstümmelt. Viele Eltern sind überzeugt, ihrer Tochter etwas Gutes zu tun: Als Baby oder Kleinkind hat sie keine Erinnerung an die Schmerzen und wird ohne Probleme in die Gesellschaft aufgenommen. Die Konsequenzen sind jedoch verheerend, da eine Beschneidung an einem Baby ausgeführt noch viel größere Risiken mit sich bringt: Das Beschneidungsmesser ist zu groß, die Beschneiderin kann wenig differenzieren, was sie eigentlich abschneidet. Und natürlich ist ein Säugling viel weniger widerstandsfähig, wenn es zu Blutungen oder Infektionen kommt.
Plan arbeitet eng mit jungen Eltern zusammen. Ziel ist es, Verstümmelungen von neugeborenen Mädchen in den Partnergemeinden zu verhindern. In einem weiteren Schritt werden Eltern, die einwilligen, ihre Töchter unbeschnitten zu lassen, in Solidaritätsgruppen organisiert. Diese treffen sich regelmäßig, um sich gegen den sozialen Druck zu stärken und Strategien zu entwickeln, weitere Eltern für die Abschaffung der Praktik zu gewinnen.
Wie wirksam sind politische Maßnahmen? Beispielsweise Gesetze gegen die Genitalverstümmelung?
Gesetze zur Bekämpfung dieser Praxis sind wichtig, aber weder ausreichend und schon gar kein Wundermittel, um die Verstümmelung zu beenden. In Afrika haben 13 Länder spezifische Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung erlassen. In den meisten Ländern wurde diese Gesetzgebung jedoch nie oder nur sehr selten umgesetzt. Das einzige Land, in dem seit Erlassen des spezifischen Gesetzes viele Beschneiderinnen und Mitverantwortliche verurteilt wurden, ist Burkina Faso - mehr als 400 Personen seit 1996. In anderen Ländern, wie z.B. Ägypten, Benin, Kenia und Senegal kam es in wenigen Einzelfällen zu Verurteilungen. Die Täter wurden jedoch häufig, wie zum Beispiel in Benin, aufgrund von Korruption nach kurzer Zeit wieder freigelassen. In anderen Ländern, wie Guinea und Togo, sind keine Anklagen bekannt.
Am Ende ist die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung nur möglich, wenn auf allen ebenen gegen diese Menschenrechtsverletzung gekämpft wird. Dazu bedarf es nicht nur Gesetze und strafrechtliche Verfolgung der Täter und Täterinnen, sondern zum Beispiel auch finanzielle Unterstützung der lokalen Organisationen, die sich für die Abschaffung einsetzen und Schutzeinrichtungen für betroffene Mädchen.

