"Wir tun das Richtige, auch wenn die Menschen uns beleidigen und bedrohen"
Rugiatu Turay arbeit als Koordinatorin der Plan-Partnerorganisation AIM (Amazonian Initiative Movement), einer Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Lunsar, Sierra Leone. Sie hat sich gegründet, um die weibliche Genitalverstümmelung zu bekämpfen. Für Plan hat Rugiatu Turay einen Erfahrungsbericht geschrieben.Meine Arbeit als Koordinatorin bei AIM ist hektisch und gefährlich. Aber ich liebe sie, denn es ist mein Herzenswunsch, Mädchen vor der brutalen Genitalverstümmelung zu bewahren, die ich selbst durchlebt habe. Ich will nicht, dass Mädchen von Leuten misshandelt werden, die sich selbst Ärzte nennen. Ich will nicht, dass Mädchen im Namen der Kultur diskriminiert werden. Und ich will das lange Leiden verringern, das wir Frauen durchmachen. Als Opfer der Beschneidung habe ich immer noch schlaflose Nächte.
Neun Mädchen außer Landes geschafft
Wir erleben häufig, dass Mädchen vor dem Initiationsritus der Genitalverstümmelung fliehen wollen. Diese Mädchen, die sich an uns wenden, bringen wir dann aus dem Gebiet fort, um sie zu schützen. Seit 2005 hatten wir jedes Jahr mindestens drei Mädchen, die vor der Genitalverstümmelung geflohen sind. In den letzten zwei Jahren suchten auch zwei junge Mädchen, die zu Beschneiderinnen ausgebildet werden sollten, in unserem Büro Zuflucht. All diese Mädchen befinden sich in einem Schutzzentrum von AIM in Conakry in Guinea. Insgesamt unterstützen wir mehrere Run-Away-Girls, Mädchen, die von zu Hause geflohen sind. Neun von ihnen leben in Guinea, während sieben bei uns in Lunsar in Sierra Leone leben.
Familienbesuch ja - aber nur in Begleitung
In den Ferien bringen wir die Mädchen immer von Guinea nach Sierra Leone, damit sie ihre Eltern besuchen können. Wir erlauben allen Mädchen, zusammen jeweils eine Familie zu besuchen, denn wir glauben, dass die Mädchen so die Chance haben, zu uns zu kommen, wenn sie den Verdacht haben, dass die Eltern ihre Tochter doch beschneiden lassen wollen. Wir haben nun begonnen, spezielle Workshops mit den Eltern der Mädchen durchzuführen. Sie sollen verstehen, dass ihre Töchter nicht rebellisch oder störrisch sind, sondern dass sie Rechte haben, die respektiert werden müssen.
Die Zusammenarbeit mit Schulen, religiösen Führern und traditionellen Leitern funktioniert. Wir organisieren Workshops und Aufklärungsveranstaltungen, führen Theaterstücke auf und tragen Gedichte vor. Auch bei den Beschneiderinnen haben wir viel erreicht. Das ist wichtig, weil sie viel Macht haben. AIM hat 40 ehemalige Beschneiderinnen in die St-Joseph-Berufsschule geschickt, wo sie lesen und schreiben lernten und an Landwirtschaftskursen teilnahmen. Nach Abschluss der sechsmonatigen Berufsausbildung sprachen sie sich öffentlich gegen die weibliche Genitalverstümmelung aus.
Mit kleinen Gruppen starten
Ich habe immer wieder festgestellt, dass es kein guter Ansatz ist, Menschen direkt mit dem Thema zu konfrontieren. Vor allem in größeren Gruppen. Da kann es passieren, dass Einzelne die Gruppe dazu bringen, dich anzugreifen oder das Infomaterial zu zerstören. Man muss immer zuerst mit einzelnen Menschen sprechen und ihr Vertrauen gewinnen. Nur wenn die Leute Vertrauen zu dir aufbauen, sind sie bereit, mit dir zu reden. Druckmittel haben wir keine, denn die Regierung unterstützt unsere Arbeit nicht.
Wegen meiner Arbeit wurde ich häufig bedroht, und diese Bedrohungen betrafen nicht nur mich, sondern auch meine Kollegen und Kolleginnen und meine Familie. Zwei Wochen, nachdem wir die Nichtregierungsorganisation in Lunsar ins Leben gerufen hatten, gingen Beschneiderinnen und Poro-Männer (Mitglieder einer geheimen Männergesellschaft in Sierra Leone) zu den obersten traditionellen Leitern, um gegen unser Büro zu protestieren. Anschließend kamen sie direkt zu unserem Büro. Sie hatten einen halbnackten Mann dabei, von dem sie glaubten, er könne Menschen durch einen Fluch töten. Zwei der Männer wandten sich an meinen Vater und sagten ihm, dass wir das Gebiet verlassen sollten, weil der Dämon der geheimen Gesellschaft jeden im Haus verschlingen würde. Wir würden alle in den Poro-Busch gebracht und zu Initiationsriten gezwungen werden.
"Sie schärften ihre Buschmesser vor meinem Haus"
Ein anderes Mal kamen sie mit Buschmessern und schärften sie direkt vor meinem Haus. Sie drohten, mich damit zu töten. Sie baten den obersten traditionellen Leiter um die Erlaubnis, mich zu töten. Dieser sagte, sie dürften keine primitive Waffe benutzen, um mich zu töten, aber sie hätten seine Erlaubnis, es mit ihren magischen Kräften zu tun. Doch wieder hatten sie keinen Erfolg.
Kurze Zeit später kamen sie wieder und griffen mich mit ihren Buschmessern an. Vier von ihnen waren am ganzen Körper blutverschmiert. Einer kam auf mich zu und griff meine Hand, doch ich konnte ihn abschütteln. Ein Mitarbeiter konnte ihm das Buschmesser abnehmen und half mir, mich zu befreien. Ich ging sofort zur Polizei und erklärte, dass ich von Rebellen angegriffen worden war. Die Polizisten hatten Angst, den Fall aufzunehmen. Doch ich drohte, ich würde den Fall vor das Gericht in Freetown bringen. Daraufhin kamen die Poro-Männer zu meinem Haus, um um Vergebung zu bitten. Ich vergab ihnen, und seither habe ich sie nicht wieder gesehen. Wir sind jetzt keine Freunde, aber sie lassen uns unsere Arbeit machen.
Weitermachen und den Gefahren trotzen
Nicht nur ich, sondern auch die Beschneiderinnen, die die Praktik aufgeben wollten, waren in Gefahr. Ebenso wie meine Familie, besonders mein Vater, der mich unterstützte. Zeitweise hatte ich Angst um meine kleinen Brüder. Mein Vater wollte sie an einen sicheren Ort bringen. Aber ich dachte nie daran aufzugeben. Jedes Mal, wenn die Männer mich angriffen, wurde ich stärker und meine Überzeugung, weiterzumachen, wuchs. Wir tun das Richtige, auch wenn die Menschen uns beleidigen und auf der Straße auf uns zeigen.




