Afrikanische Stimmen zu weiblicher Genitalverstümmelung in Hamburg

Plan setzt sich für die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika ein. Doch wie ist die Situation für afrikanische Mädchen und Frauen, die in Deutschland leben? Die von Plan durchgeführte Studie "Listening to African Voices" gibt erstmals Auskunft, ob und wieweit Mädchen und Frauen in Hamburg betroffen sind.

Weibliche Genitalverstümmelung ist aufgrund der globalen Migrationsbewegung auch ein europäisches Thema. Unter der Schirmherrschaft der Hamburger Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz erarbeitete Plan Deutschland die Studie "Listening to African Voices Female Genital Mutilation/Cutting among Immigrants in Hamburg: Knowledge, Attitudes and Practice". Zwischen August und Oktober 2010 befragte Plan über 1.700 Afrikanerinnen und Afrikaner aus Hamburg zur Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung.

Die Ergebnisse
Offiziellen Angaben zufolge leben in Hamburg rund 11.300 Migranten aus Ländern südlich der Sahara, davon stammen ca. 40% aus praktizierenden Ethnien. Der Umfrage zufolge sind mindestens 30% der in Hamburg lebenden Frauen aus betroffenen Ländern beschnitten, wobei die Beschneidung in den jeweiligen Heimatländern erfolgte noch bevor die Frauen nach Deutschland immigrierten. Ungefähr 7% der Töchter der befragten Afrikanerinnen und Afrikanern sind ebenfalls beschnitten - nur ein sehr geringer Teil von ihnen hat jedoch jemals mit den Eltern in Europa gelebt; die Mehrheit von ihnen hält sich bei Verwandten im Heimatland auf.

Die meisten der Befragten lehnen eine Fortführung der Genitalverstümmelung ab. 81% sprechen sich deutlich gegen jegliche Art der Beschneidung aus, 3% plädieren für ihre Fortführung, 16% beziehen keine klare Stellung.

Risikogruppen und Schutzfaktoren
Den Aussagen der Befragten zufolge werden Mädchen in Hamburg nicht beschnitten. Dennoch bestehen Risiken: Am stärksten bedroht sind Töchter aus praktizierenden Familien, die nicht mit ihren Eltern in Deutschland, sondern bei Verwandten in Afrika leben. Oft entscheiden Familienangehörige vor Ort, ob und wann ein Mädchen beschnitten wird – auch ohne die Zustimmung der in Deutschland lebenden Eltern. 

Die Wahrscheinlichkeit, dass Mädchen beschnitten werden, die in der Bundesrepublik geboren wurden und mit ihren Eltern in Hamburg leben, ist gering. Am meisten geschützt sind jene Mädchen, bei denen mindestens ein Elternteil aus einer nicht-praktizierenden Gruppe kommt und die Tradition der Beschneidung ablehnt. Weniger gefährdet sind auch Mädchen, die in gut integrierten Familien mit hohem Bildungsstand leben.

Immer wieder hervorgehoben wurde, dass selbst Befürworter ihre Töchter nicht in Deutschland beschneiden würden, da das kulturelle Umfeld nicht gegeben sei, die Immigrantengemeinden zu klein seien und die deutsche Gesetzgebung weibliche Genitalverstümmelung verbiete.

Aktionsplan für Hamburg
Auf der Grundlage der Studienergebnisse schlägt Plan die Erarbeitung und Umsetzung eines Aktionsplans gegen weibliche Genitalverstümmelung in Hamburg vor. Dieser müsste insbesondere jene Migranten in den Fokus rücken, die praktizierenden Gruppen angehören. Der Schwerpunkt sollte auf die Prävention gelegt werden, aber auch Maßnahmen zur Unterstützung akut betroffener Frauen beinhalten.

Die Befragten machten zahlreiche Vorschläge, wie die Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung abgeschafft werden könne. Einzubeziehen sind wichtige Akteure wie Gesundheitspersonal, Sozialarbeiter und Vertreter von Projekten, die eng mit Migranten arbeiten, afrikanische Unternehmer, Mitglieder afrikanischer Frauen- und Kulturgruppen sowie religiöse Führer.

Da es sich bei weiblicher Genitalverstümmelung um eine gemeinschaftlich akzeptierte Praktik handelt, stehen die einzelnen Familien unter sozialem Druck. Die Befragten sehen es deshalb als notwendig an, dass nicht nur einzelne Familien von der Aufgabe der Praktik überzeugt werden, sondern dass sich die sozialen Werte und Normen in den betroffenen Gruppen verändern.

Um die betroffenen Familien zu erreichen und um gefährdete Mädchen wirksam zu schützen, sollte der Aktionsplan vorrangig von Afrikanerinnen und Afrikanern erarbeitet und umgesetzt werden. Deutsche Nicht-Regierungsorganisationen und die Stadt Hamburg können diesen Prozess fachlich und finanziell unterstützen.

Lesen Sie hier die komplette Studie (in Englisch, als PDF).
Und die Zusammenfassung (in Deutsch, als PDF).

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