Das Schutzhaus von Marline

Nachdem sich die Staubwolken nach dem Erdbeben etwas gelegt hatten, witterten Kinderhändler in Haiti sofort ihre Chance. Für sie sind die Kinder jetzt eine leichte Beute. Zehntausende haben ihre Eltern verloren oder laufen nach wie vor auf sich selbst gestellt durch die Straßen von Port-au-Prince. In Marlines Haus finden sie Schutz.

In einem Camp der Vereinten Nationen direkt neben dem internationalen Flughafen haben 2.000 Kinder Zuflucht gefunden. Sie wurden von Blauhelmsoldaten auf den Straßen aufgelesen und in das Camp gebracht, um sie vor Kinderhändlern zu schützen. Bald kommen sie in die Obhut einer Frau, die sich im Laufe der Jahre den Ruf erworben hat, die warmherzigste Pflegemutter in ganz Port-au-Prince zu sein: Marline Mondesir. Marline leitet ein Schutzhaus für Kinder. Sie erklärt: „Ich habe mein ganzes Leben lang gegen Kinderhändler in Haiti gekämpft. Sie sind völlig skrupellos: Sie entführen Straßenkinder, um an ihre Organe zu kommen, sie in die Prostitution zu zwingen oder sie als Sklaven an Hotels, Restaurants oder reiche Familien zu verkaufen. Die Kleinsten gehen an Waisenhäuer und werden Ausländern zur Adoption angeboten. Ein an Adoptiveltern vermitteltes Kind kann zwischen 10.000 und 20.000 US-Dollar einbringen. In den am stärksten vom Erdbeben betroffenen Gebieten laufen jetzt zehntausende von Kindern unbegleitet durch die Straßen. Sie stehen unter Schock. Als die Katastrophe passierte, stürmten viele Kinder aus dem Haus und rannten so weit, wie sie konnten. Sie haben jeden und alles verloren. Für die Kinderhändler ist das, als würde ihre Beute ihnen auf einem silbernen Tablett serviert. Aber sie verschleppen nicht nur Straßenkinder, sondern besuchen auch Familien, die alles verloren haben und nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen. Die Kinderhändler versprechen den Familien, dass sie die Kinder an wohlhabende Adoptiveltern vermitteln, bei denen sie ein viel besseres Leben hätten. Die Familien vertrauen den Kinderhändlern und lassen sich aufgrund ihrer Not leicht überzeugen, ihre Kinder abzugeben. Und dann hören sie nie wieder etwas von ihnen. Die meisten Kinderhändler sind Frauen, deshalb erscheinen sie vertrauenswürdiger. Eine meiner ‚Kolleginnen’, Inez Pasteur, die ich seit vielen Jahren kenne, hatte ein Waisenhaus. Jetzt wurde sie als Kinderhändlerin entlarvt. Die Kinder blieben nur vorübergehend bei ihr, bis sie sie zu einem guten Preis in die Sklaverei verkaufen konnte. Oder noch schlimmer: An Organhändler.“

 

Das neue Schutzhaus
Die Aufnahme von 200 neuen Kindern in ihrem Schutzhaus setzt Marline Mondesir enorm unter Druck. Ihr Zentrum befindet sich jetzt in einem neuen Gebäude, das durch das Erdbeben nicht beschädigt wurde, an der Route de Malfasse in Ganthier, 20 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Das Gebäude ist allerdings viel zu klein für so viele Kinder. Marlines vorheriges Haus wurde vom Erdbeben zerstört.

 
Marline berichtet: "Kurz vor dem Beben zogen wir zum ersten Mal um. In der Nähe meines Hauses im Distrikt Carrefour Feuille in Port-au-Prince hatte ich zwei separate Unterkünfte – eine für Mädchen und eine für Jungen. Unsere 49 Jungen waren bereits nach Ganthier umgezogen, aber die zwölf Mädchen waren noch in Carrefour Feuille. Fünf von ihnen und ein Wachmann haben das Erdbeben nicht überlebt.“

 

Madeline ist ein typisches Beispiel
Während Marline ihre Geschichte erzählt, treffen mehrere UN-Transporter vor dem Schutzhaus ein und bringen Lebensmittel und Wasser. Auf den Rücksitzen der Fahrzeuge sitzen auch die übrigen Mädchen aus Carrefour Feuille. Die zwölfjährige Madeline hat kleinere Verletzungen am rechten Arm und am Bein.
Marline: "Madeline ist nur knapp dem Tod entkommen. Es war eines der vielen Dramen in ihrem Leben. Beispielsweise wurde sie von ihrem Stiefvater sexuell belästigt. Als sie sagte, sie werde es ihrer Mutter erzählen, drohte er, ihr den Kopf abzuschlagen. Dann rannte sie von Hause weg, fiel in die Hände von Kinderhändlern und wurde als Haushaltssklavin an eine Familie verkauft, in der sie schwer misshandelt wurde, wenn sie etwas falsch machte. Ihr Rücken ist voller Narben von den Peitschenhieben, die sie bekam. Nachdem ihr schließlich die Flucht gelungen war, wurde sie von der Polizei aufgelesen und in das Institute de Bienfait Sociale gebracht, eine staatliche Betreuungseinrichtung für Kinder. Vor vier Jahren wurde Madeline schließlich uns anvertraut. Aber wir konnten sie nicht vor dem Erdbeben beschützen.“

 
Und dann, als Marline Madeline bittet, über das Erdbeben zu sprechen, bekommen die fünf Opfer plötzlich Namen und Gesichter. Zunächst zeigt Madeline uns die Verletzungen an ihrem Arm, und dann erzählt sie: "Lovely war meine beste Freundin. Sie lebte seit zwei Jahren bei uns und war erst acht Jahre alt. Ich versuchte, mich ein bisschen um sie zu kümmern. Jetzt ist sie tot. Berlinda (13) ebenfalls. Und Lovedina (10), Betty (10) und Bernadette (12). Wir saßen alle zusammen im Klassenzimmer. Ich stand auf, um etwas Wasser zu holen. Als ich plötzlich ein sehr lautes Grollen hörte, dachte ich zuerst, es wäre der Generator. Doch dann stürzte der Flur hinter mir ein, alles bebte, und Trümmer fielen von der Decke auf mich. Die Außenwand riss auf. Ein großes Loch klaffte auf, durch das ich zur Nachbarin rannte, die gerade draußen ihr Kind badete. Die Kinder im Klassenraum wurden alle getötet.“ In Madelines Augen sind keine Tränen zu sehen, ihre Wunden sind noch zu frisch und der Schmerz zu intensiv. Das alte Schutzhaus wurde vollständig zerstört, genau wie das ganze Viertel Carrefour Feuille.

 

Immer mehr Kinder finden Hilfe

Marline berichtet: "Wir konnten die Kinder erst drei Tage nach dem Erdbeben aus den Trümmern bergen. Als ich das Schutzzentrum gründete, bekam ich Hilfe von einigen ausländischen Hilfsorganisationen, darunter Plan International. Plan bezahlte das Lehrpersonal und einen Psychologen. Wir haben bisher immer noch nicht wieder von unserem Psychologen gehört. Ich befürchte, dass er bei dem Erdbeben gestorben ist. In Ganthier muss ich noch einmal ganz von vorne anfangen. Das erste neue Gebäude, in dem die Jungen wohnen, wurde von der schweizerischen und der japanischen Botschaft sowie der EU finanziert. Von Unicef habe ich ein großes Zelt als Notunterkunft für die 200 neuen Kinder bekommen. Die Organisation wird sich in der nächsten Zeit auch noch um die Nahrungsmittelversorgung und andere Nothilfe kümmern. Aber es muss auch danach irgendwie weitergehen. Ich kann nur 70 Kinder unterbringen. Jetzt werden es 270 Kinder, und wahrscheinlich sogar noch mehr. Das Kinderhilfswerk Plan startet hier in Haiti eine umfangreiche Aufklärungskampagne mit großen Plakatwänden. Außerdem schickt Plan Studenten – die zurzeit ohnehin nicht zur Universität gehen können – in die Gemeinden. Dort warnen sie die Familien und Straßenkinder und klären sie über das wahre Gesicht der Kinderhändler auf. Plan hat auch versprochen, mir beim Ausbau des Schutzhauses zu helfen, ebenso wie bei der psychosozialen Betreuung und Bildung. Ich möchte jeden im Ausland davor warnen, Kinder aus Haiti zu adoptieren, wenn sie sich nicht zu hundert Prozent sicher sind, dass das Kind wirklich ein Waisenkind ist. Unser Präsident Perval hat offiziell einen vorübergehenden Stopp von Adoptionen verordnet, um den lukrativen Kinderhandel aufzuhalten.“

 
Am nächsten Tag, kehren Marline und Madeline an den Ort in Carrefour Feuille zurück, wo einst ihr altes Schutzzentrum stand. Marline erzählt: "Ich war selbst ein Pflegekind. Ich hatte Glück, denn ich war in einem seriösen Waisenhaus und später in einer liebevollen haitianischen Familie. In der Schule träumte ich davon, später anderen Kindern zu helfen, die wie ich keine Mutter und keinen Vater mehr haben. Mit Hilfe aus dem Ausland – ich fürchte, von unserer Regierung ist nicht viel zu erwarten – konnte ich meinen Traum verwirklichen.“