Mitten in der Wüste Thar

Zwei Berliner in der indischen Wüste: Ende letzten Jahres besuchten Traudl Welle und ihr Mann Wilhelm ihr Patenkind Hasta. Der 16-Jährige und seine Familie leben mitten in der Wüste Thar im Nordwesten an der pakistanischen Grenze. Hier der Bericht von Traudl Welle.

 

Die Wüste Thar ist die größte bewohnte Wüste der Welt. Zwei Stunden sind wir mit dem Jeep auf einem schmalen Asphaltweg durch die Wüste unterwegs. Mr. Maneesh und Mr. Gaynendra, die beiden freundlichen Plan-Mitarbeiter, haben uns morgens um neun Uhr von unserem Hotel abgeholt. Im Sommer klettern die Temperaturen hier bis auf 45 - 50 Grad und Sandstürme wehen über das Land. Die Asphaltstraße ist dann zugeweht. Die Wüste ist teilweise steppenartig und lässt einen minimalen Anbau von Gemüse und Getreide zu. Wasser wird in Tanks von der Gemeinde geliefert und muss sparsam gehandhabt werden. Jetzt, in der kühleren Jahreszeit, kann es nachts empfindlich kalt werden, die Temperaturen fallen fast auf null Grad. 

 

Schwerer Zugang zu den Bewohnern
Mr. Maneesh und Mr. Gaynendra erzählen uns, dass Plan und die indische Partner-organisation Urmul, mit der sie kooperieren, etwa zehn Jahre gebraucht haben, um in diesem Gebiet Zugang zu den Bewohnern zu finden. Die Menschen hier leben sehr traditionell. Schwerpunkt von Plan vor Ort ist die Arbeit mit Mädchen und Frauen, um dem weiblichen Geschlecht  mehr Aufmerksamkeit und Gewicht innerhalb der Gesellschaft zu geben und über diesen Weg Veränderungen herbeizuführen. Im Gebiet weit verstreut leben etwa 4000 Familien. Oberstes Prinzip der Hilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe. Mit den Mädchen und Jungen wird in Gruppen gearbeitet, damit sie auf spielerischem Weg ihre Rechte kennenlernen und lernen, mögliche Veränderungen anstoßen können. Inzwischen sind die Gruppen sogar gemischt.

 

Turban und Schleier für die Gäste
Die Familie von Hasta empfängt uns ungeheuer freundlich,  während unseres kurzen Aufenthaltes wird viel gelacht. Die Begrüßung ist ganz traditionell:  Uns wird ein roter Punkt auf die Stirn gemalt  und ein Baumwollbändchen um den Arm gebunden. Ich bekomme einen Schleier im Hochzeitsstoff der Rajasthan-Bevölkerung (Foto) und mein Mann einen Turban aus sieben Metern Stoff, der ihm kunstvoll um den Kopf gewickelt wird. In kurzer Zeit versammeln sich im Hof der Familie mindestens 30 Menschen. Nachbarn, Freunde und Verwandte wollen sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen: Wir sind der erste Besuch in dieser Region. Die Frauen kauern sich auf den Boden in der Mitte des Hofes und stimmen ein Willkommenslied an. Mein Mann und ich singen dann im Kanon "Froh zu sein bedarf es wenig".


Neugierde auf Fotos aus Deutschland
Wir plaudern über Deutschland. Ich zeige ihnen einen Kalender mit Bildern aus Deutschland und ein Nachbar fragt schmunzelnd, warum wir ihnen nicht etwas von unserem Wasser schickten, wo wir doch so viel davon hätten. Die Frauen wollen von mir wissen, ob ich mein Chapati (indisches Fladenbrot) auch selbst backen würde. Neugierig und interessiert betrachten sie unsere Familienfotos und sie freuen sich, als ich meinen Schleier über mein Gesicht ziehe, wie es viele Rajasthan-Frauen machen. Währenddessen bereitet die junge Frau des Hauses in der fensterlosen Küchenhütte Masalatee, Chapati mit zerlassener Ziegenbutter und einheimisches Gemüse mit Hirse zu. Die Fotoaufnahme von ihr ist eine wirklich Überraschung, da es in dem Raum ziemlich dunkel ist und ich auf gut Glück ein Foto mit Blitzlicht mache. Erst zu Hause können wir die wunderschöne Frau betrachten.

 

Schule in kleiner Rundhütte
Wir besichtigten auch eine kleine Grundschule, die von Plan unterstützt wird.  Etwa  34 Kinder werden in zwei kleinen Rundhütten unterrichtet (Foto) . Die Kinder sind neugierig und schüchtern zugleich, und es dauert eine ganze Weile bis zwei Mädchen den Mut aufbringen, ein Lied zu singen. Wir zählen dann mit den Kindern von eins bis zehn in Englisch und in Deutsch. Vor der Schule sitzt - im Schatten eines Verschlages aus Ästen - eine Gruppe junger Frauen, die sich regelmäßig mit einer Sanitäterin trifft. Auch ein Plan-Projekt. Das nächste Krankenhaus ist etwa 50 Kilometer entfernt. Einen Arzt im unmittelbaren Umfeld gibt es nicht. Plan bildet deshalb Sanitäterinnen aus, die Kranke behandeln können, aber auch Aufklärung zu Themen wie Hygiene und Verhütung betreiben.

 

Verhütung mit Perlenkette
In einer Blechkiste transportiert die Sanitäterin Medikamente für Erkrankungen aller Art: fiebersenkende Mittel, Antibiotika, Mittel gegen Durchfall, Verhütungsmittel, Schmerztabletten usw. Beeindruckt sind wir von der natürlichen Verhütungsmethode mittels einer Verhütungskette (Foto). Eine Kette mit farbigen Steinen veranschaulicht den weiblichen Zyklus. Täglich wird ein kleiner fester Gummiring eine Perle weiter geschoben. Die Wüstenfrauen haben keine Uhren und keine Kalender! Ist der Gummiring bei den weißen Steinen angelangt ist, wissen sie, dass nun ihre fruchtbaren Tage sind - und sie aufpassen müssen.

 

Umarmung zum Abschied
Als wir uns von unserem Patenkind verabschieden müssen, umarmt Hasta Rams Vater meinen Mann. Das ist eine ungeheuer große Ehre und Anerkennung, da die Inder das eigentlich nicht machen und die Familie auch einer unteren Kaste angehört. Eine der Frauen hält ganz lange meine Hände in ihren. Für diese Menschen ist unser Besuch das größte Geschenk, die materiellen Mitbringsel sind nebensächlich. Auch wir fühlen uns reich beschenkt. Obwohl die Menschen uns die gesamte Zeit belagern und alles beobachten, fühlen wir uns nicht eine Sekunde unwohl. Am meisten beeindruckt uns Hastas Vater. Dieser Mann hat eine solch warmherzige Ausstrahlung, er umarmt uns buchstäblich mit seinen Augen. Leider müssen wir diese wunderbaren Menschen in der Wüste wieder verlassen.

 

Reifenwechsel im Wüstensand
Auf dem Rückweg bleibt unser Jeep im Sand stecken. Ein Reifenwechsel ist dann auch noch notwendig. Mr. Maneesh und Mr. Gaynendra zeigen uns noch einen spektakulären Tempel in dem Ort Deshnok. Es ist der berühmte, einzigartige Karni-Mata-Tempel – Tempel der heiligen Ratten. Ein Kontrastprogramm!

 

Für uns ist klar, dass es für diese weit ab von der Zivilisation lebenden Menschen, die von der Landesregierung schon gerne mal vergessen werden, ungeheuer wichtig ist, Hilfe, Unterstützung und Anerkennung zu bekommen über eine Organisation wie Plan. Unser Geld geben wir gerne. Der Besuch bei unserem Patenkind in der Wüste Thar klingt immer noch in uns nach, viele Fragen stellten sich uns erst hinterher. Wir müssen noch einmal hin!

 

Sie wollen auch gern Ihr Patenkind besuchen? Bitte beachten Sie unsere Informationen zum Besuch beim Patenkind.

  

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Ich freue mich, dass Plan eine Schule für mein Dorf baut. Ich will Lehrerin werden!

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